Palmer will Bürokratie abschaffen

Oberbürgermeister, Grüner, Provokateur: Boris Palmer steht gerne „outside the box“. Bild: Gudrun de Maddalena

Boris Palmer führt Tübingen mit Methoden in die Zukunft, die in der kommunalen Landschaft ihresgleichen suchen. Der Oberbürgermeister denkt gegen den Strich und scheut bei seinen politischen Konzepten Versuch und Irrtum nicht. Jetzt fordert der grüne Provokateur im Interview mit bloghaus.eu mehr Anstrengungen bei der Beseitigung bürokratischer Hemmnisse, weil sonst die Klimaschutzziele nicht erreicht werden könnten.

Hier und da gibt es zwar deutschlandweit mal eine Fotovoltaikpflicht, Bewegungsmelder an Straßenlampen oder Abwärme aus dem Klärwerk. In Tübingen gibt es aber alles zusammen, weil Boris Palmer die Klimaneutralität seines Städtchens bis 2030 zum Ziel erklärt hat. Und weil dies keine Worthülse aus dem weiterverbreiteten Politsprech bleiben soll, stellt er sich Konflikten, setzt Widerstände außer Kraft und organisiert Mehrheiten für seine letztlich erfolgreiche Politik.

Nicht nur die  Tübinger schätzen dabei Palmers klare Ansagen, ja offensichtlich auch seine oft spektakulären Tabubrüche. Für die Redaktion von bloghaus.eu gehört der Provokateur Boris Palmer deshalb auch zu den interessantesten Interviewpartnern, zumal der inzwischen bekannteste Kommunalpolitiker im ganzen Land gut zur Riege der Bundesminister Cem Özdemir und Robert Habeck sowie zu Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann passt, die allesamt für einen harten realpolitischen Kurs der Grünen stehen, mit dem sie bis weit in die bürgerlichen Milieus Stimmen gewinnen können. 

Herr Palmer, ein Klimakonzept mit Solarpflicht, teure Anwohnerparkplätze, Anschlusszwang für Fernwärme: Warum wird in Tübingen Boris Palmer im ersten Wahlgang mit deutlicher Mehrheit zum OB gewählt, während in anderen Städten Kandidaten für ähnliche Zumutungen vom Wähler abgestraft werden?
Palmer: Vielleicht haben die Tübinger erkannt, dass unser Konzept gar keine große Zumutung, ist, sondern einfach eine Notwendigkeit. Wir haben das Klimaschutzprogramm im Gemeinderat mit einer Enthaltung beschlossen, nach anderthalb Jahren intensiver Diskussion mit der Bevölkerung und repräsentativen Befragungen zu jeder einzelne Maßnahme. Danach fand die Mehrheit das Konzept  einfach mehrheitlich richtig. 

https://www.tuebingen.de/Dateien/faltblatt_klimaneutral_2030.pdf
https://www.tuebingen.de/Dateien/broschuere_klimaschutzprogramm.pdf

Hat Sie diese zum Teil bis zu zwei Dritteln reichende Zustimmung nicht gewundert?
Nein. Zumindest in Tübingen hat mich das nicht gewundert, weil hier eine sehr große Mehrheit der Menschen wirklich etwas für den Klimaschutz tun will. Das ist Voraussetzung: Wenn ich die Einsicht in die Notwendigkeit habe, bin ich auch bereit, die Konsequenzen zu tragen. Wir haben eine sehr starke Fridays-for-Future-Bewegung, die da auch Druck macht.  Deswegen bin ich nicht überrascht, dass bei dieser gesellschaftlichen Basis dann auch Zustimmung zu den notwendigen Maßnahmen entsteht. Übrigens sind wir auch keine Heiligen, denn wenn man die Ergebnisse im Detail anguckt, sieht man, dass die Zustimmung auch in Tübingen immer dann geringer ist, wenn Ihr Begriff Zumutung mehr passt.  

Sie haben auf vielen Feldern Dinge gegen auch gegen Widerstände in der Bürgerschaft und/oder im Stadtrat durchgesetzt. Haben Sie dafür ein Rezept?
Also erstens mal muss man den Gemeinderat mit dessen eigenen Ansprüchen ernst nehmen. Die Parteien haben in ihren Wahlprogrammen als Ziel stehen, dass Tübingen bis 2030 klimaneutral wird. Und damit habe ich sie konfrontiert. Das war 2019. Da erging der Auftrag an die Verwaltung aufzuschreiben, auf welchen Wegen man das gemeinsame Ziel auch schafft. Wer eine Maßnahme ablehnte, der konnte sie aus dem Konzept werfen, musste dann aber diese Lücke mit einem eigenen Vorschlag schließen. Das Rezept heißt also: Das Ziel zum Maßstab des Handelns zu machen. Oder anders gesagt, Politik ernst nehmen und nicht nur als Phrase.

Ablehnung von zentralen Maßnahmen oder Versuch und Irrtum sind ihrem Klimakonzept eingepreist. Ist das ein notwendiger Tabubruch für Verwaltungshandeln der Zukunft?
Es zählt, was funktioniert. Ein Gemeinderatsbeschluss, der nicht umgesetzt werden kann, ist von vorneherein wertlos. Vor Ort muss etwas passieren. Schöne Ideen des OB oder dessen Reden interessieren weniger. Und deswegen ist auf kommunaler Ebene der entscheidende Punkt, dass man tatsächlich ausprobiert, ob etwas geht. Dafür ist die Bereitschaft notwendig, sich auf Risiken einzulassen.  Außerdem muss man den Raum der Möglichkeiten erweitern. Man darf nicht in dem verharren, was man immer schon gemacht hat oder was andere einem aufgeschrieben haben. Man muss bereit sein, Neues zu wagen, sonst sind ambitionierte Ziele nicht zu erreichen.

„Die Bürokratie ist,

was Geschwindigkeit angeht,

 das größte Problem.“

Boris Palmer

Ist es denn nicht vor allem so, dass es da dann von Seiten der Bürokratie Hemmnisse gibt und die Überregulierung das eine oder andere Projekt scheitern lässt?

Die Bürokratie ist, was Geschwindigkeit angeht, das größte Problem. Man kriegt die Projekte meistens schon noch hin, aber es dauert wahnsinnig lang und es beschäftigt wahnsinnig viele Leute. Und wir haben die Zeit nicht mehr und die Leute nicht mehr. Deswegen ist Bürokratie beseitigen – ich sage gar nicht abbauen – tatsächlich ein Schlüssel zum Erfolg. Wenn es im Schnitt acht Jahre dauert, ein Windrad in Betrieb zu nehmen, dann wissen wir heute schon, wie viel neue Windräder bis 2030 dazukommen, nämlich sehr wenige. Und das ist nur ein Beispiel. Diese Langsamkeit geht mit den Klimaschutzzielen von EU, Bund, Land und lokaler Ebene nicht auf. Die Prozesse sind insgesamt unglaublich schwierig und langsam.   

Diese Sicht dürfte weit verbreitet sein. Doch wer packt was an? Sehen Sie Licht am Ende dieses Tunnels?
Es wird allmählich tatsächlich besser, auch auf höherer Ebene. Die Dringlichkeit ist erkannt. Baden-Württemberg ist gerade dabei, eine Gesetzesnovelle vorzubereiten, mit der die Genehmigungszeit für Windkraftanlagen wenigstens auf drei Jahre verkürzt werden soll. Ist immer noch lange genug, aber es passiert jetzt was.

Letztlich gibt es meiner Meinung nach nur eine Möglichkeit der Problemlösung, indem man nämlich das Prinzip umkehrt. Bisher ist es so: Es geht so lange nichts voran, bis nicht der letzten Bürokraten einen Haken gesetzt hat. Und fehlt irgendwo ein Haken, darf man nichts machen. Und man weiß oft nicht, wer muss den Haken setzen, warum wird er nicht gesetzt, wer hätte die Kompetenz zur Regeländerung. Künftig sollte gelten: Wenn es die Bürokratie nicht schafft, eine Ablehnung sauber zu begründen, dann ist das Projekt eben genehmigt. Das ist die einzige Lösung, denn dann müssen sich die Bürokraten auf die echten Probleme konzentrieren, nämlich das, was man verhindern muss. Sie können sich dann nicht damit begnügen zu sagen, da fehlt was, also lassen wir es liegen.

Sie haben angesichts der Energiekrise und des allgemeinen Appells zum Gassparen auf ein Dilemma aufmerksam gemacht, das wenig bekannt sein dürfte. Können Sie erläutern, warum Sie als Aufsichtsrat der Stadtwerke die Verstromung von Öl zur Schonung der Gasreserven nicht durchsetzen konnten?
Wir produzieren unsere Wärme zu einem erheblichen Teil mit Anlagen, die Strom und Abwärme produzieren und gasbetrieben sind. Daneben steht aber wie bei vielen anderen Stadtwerken auch immer noch aus Redundanzgründen ein Ölkessel. Wenn ich jetzt die Stromerzeugungsanlage abschalte, dann kann ich die Wärme zum gleichen Preis oder vielleicht auch ein wenig günstiger auch aus dem Ölkessel beziehen. Aber ich habe den Strom dann nicht mehr. Den Strom haben die Stadtwerke schon aufgrund langfristiger Verträge verkauft. Wenn sie jetzt keinen mehr erzeugen, müssen sie irgendwo anders einkaufen. Und im letzten halben Jahr war der Preis für kurzfristiges Nachkaufen so hoch, dass der Verzicht auf eigene Stromerzeugung massive Defizite verursacht hätte. Dann kann ich als Aufsichtsratsvorsitzender gar nicht handeln, kann nicht mein eigenes Unternehmen absichtlich in Millionendefizite treiben. Da hätte der Bund schon die sogenannte Abschaltordnung ändern müssen, wonach wir solche Stromerzeugungsanlagen abschalten, bevor wir die Industrie abschalten. Und die Differenzkosten hätte der Bund übernehmen müssen, was er in anderen Zusammenhängen ja auch tut. In diesem Fall hat er es aber nicht getan. Deswegen läuft die Stromerzeugung aus Gas weiter, was nicht sein müsste, da man das mit Ölkesseln ersetzen könnte.

Immer öfter wird darauf hingewiesen, dass der Ausbau von Stromverteilnetzen für die absehbaren Anforderungen der E-Mobilität und der Digitalisierung die Kommunen überfordert. Wie wollen Sie denn die Stromversorgung für die vielen Ladesäulen sicherstellen?
Es kommt darauf an, welchen Standard man anlegt. Wenn ich einen Standard habe wie derzeit bei der Kinderbetreuung, dann ist er derzeit so hoch, dass ich das dafür benötigte Personal einfach nicht finde. Aber man könnte auch mit weniger Personal pro Kind arbeiten, dann wäre es kein Problem. Zur E-Mobilität:  Wenn jeder seinen SUV mit einer Batterie von 200 Kilowattstunden zu jeder beliebigen Tages- und Nachtzeit an jeder Straßenecke in einer Viertelstunde aufladen will, dann können das die Stromnetze einfach nicht leisten. Das kann mal die Ausnahme mal sein an der Autobahn mit einem Supercharger mit 150 KW.  Aber wenn sie zehn Supercharger mit 150 KW nebeneinander in der Vollleistung haben, dann entspricht das ungefähr dem Anschlusswert von 2000 Haushalten. Es ist also offensichtlich, dass das nur die Ausnahme sein kann. Das kann man nicht überall im Stadtgebiet machen. Die Trafos gibt es nicht und die Leitungen auch nicht. Trotzdem sind wir nicht überfordert. Wir müssen uns nur klar machen, was geht und was nicht geht. Was geht:  Jeder lädt sein Auto, wenn gerade überschüssiger Strom zur Verfügung steht, mit 4 KW.

Da dauert der Aufladevorgang aber ewig…
Ja, aber ein Auto steht im Schnitt 23 Stunden am Tag. Das heißt, ich habe 23 Stunden potenzielle Ladezeit. Wenn ich davon 12 nutze und nur mit 4 KW lade, dann komme ich auf 50 Kilowattstunden pro Tag und das sind selbst bei einem Tesla 200 Kilometer Reichweite.  Da brauche ich beim Stromnetz gar nichts zu machen, diese 4 KW Leistungen stehen überall zur Verfügung. Für die 12000 Kilometer, die ein Auto im Schnitt im Jahr fährt, sind 200 Kilometer Reichweite überhaupt kein Problem. Das Einzige, was man akzeptieren muss: das Laden dauert halt Zeit.

„Beim E-Mobilitätsproblem 

geht es um Standards und 

technischen Realismus.“

Boris Palmer

Sind Sie in Tübingen auf dem Weg, das in diesem Sinne zu organisieren?
Wir haben für die Ladestationen im Stadtgebiet 11 KW als Maßstab angesetzt. Und die 200 Ladepunkte, die wir da jetzt bauen, sind mit den vorhandenen Transformatoren nutzbar. Diese Größenordnung soll es bitte sein. Darüber hinaus muss am Arbeitsplatz oder zuhause aufgeladen werden. Ein Problem sind dann noch die Laternenparker, weil wir nicht die ganzen Straßen mit Steckdosen ausstatten werden. Aber auch dafür gibt es Lösungen, beispielweise das Carsharing. Dann kann ich an eine Schnellladestation, die ich mir mit anderen teile. Das ist dann wieder effektiv. Lange Rede kurzer Sinn: Es geht bei diesem E-Mobilitätsproblem um Standards und technischen Realismus.  

Diese Beschränkung auf 11 KW pro Ladesäule entspricht ja Ihrem Plädoyer, dass die Politiker angesichts der Überforderungen der Kommunen auf vielen Feldern ihre Ansprüche zurückschrauben sollten. Eines Ihrer Beispiele zielt auf die Vorgaben bei der Betreuung ukrainischer Flüchtlinge…
Da geht es wieder mal um eine europäische Richtlinie, die ukrainischen Flüchtlingen einen Anspruch auf gleichwertige Bildungsangebote wie den Inländern zubilligt. Wenn die Bildungsangebote für Inländer aber schon komplett ausgeschöpft sind und keine Lehrer und Erzieherinnen mehr gefunden werden können, dann heißt gleichwertig in letzter Konsequenz: für alle wird es schlechter. In dem Moment, wo wir größere Klassen, Unterrichts- und Kita-Ausfall kommunizieren müssen, vermute ich mal, dass die Leute sagen, so haben wir uns das nicht vorgestellt mit der Ukraine.

Wenn keine Reserven mehr da sind, muss ich mich entscheiden, ob ich es für alle schlechter mache, oder ob ich den ukrainischen Flüchtlingen mitteile, dass es den den Standard nicht mehr gibt. Und das ist auch zumindest so lange nicht notwendig, wie man die Ukraine nicht aufgibt. Wenn die Ukraine ihre Staatsbürger wieder haben will, weil sie den Wiederaufbau leisten möchte, müssen wir sie auch nicht vollständig in unsere Gesellschaft integrieren. Das ist nur bei einer Bleibeperspektive nötig. Ansonsten reicht es auch, wenn ihnen eben Sicherheit, Nahrung und ukrainische Bildungsangebote zuteilwerden. Sie können sich auch durch Hauslehrer selbst unterrichten.

Sie sprachen eben von Reserven, die endlich sind.  Stellt sich der OB Palmer die Frage nach Grenzen des Wachstums für die Universitätsstadt Tübingen; weisen Sie zum Beispiel weiterhin neue Baugebiete aus?
Machen wir schon lange nicht mehr. Die letzten 15 Jahre haben wir keine Baugebiete ausgewiesen.

Weil Sie keine geeigneten Flächen mehr haben …
… weil wir es nicht wollen. Im kleinen Maßstab ist in den nächsten Jahren noch etwas vorgesehen, das war eine lange Diskussion. Aber ich bin hier angetreten mit der ganz klaren Zielstellung, mit dem auszukommen, was wir haben und damit aufzuhören, wie eine Heuschrecke durch die Landschaft zu ziehen und alles zu zerstören.

Das ist ein ökologischer Ansatz.  Spielen auch Überlegungen eine Rolle, dass mehr Einwohner auch mehr teure bauliche und soziale Infrastruktur erfordern?

Das ist notmalerweise am Ende kostenneutral, weil jeder Einwohner auch Wertschöpfung schafft. Wir haben 14000 neue Arbeitsplätze in der Stadt geschaffen, dann kann ich auch neue Infrastruktur bezahlen. Im Idealfall schaffe ich es sogar, durch Skalenerträge pro Kopf billiger zu werden. Ich brauche kein weiteres Theater, nur weil Tübingen 10000 mehr Einwohner hat.

Zur Infrastrukturpolitik gehört auch die Versorgung der Bevölkerung mit Wohnungen. Sie wollten die Eigentümer leerer Grundstücke zum Bauen zwingen. Ist das ansatzweise gelungen und wie haben Sie das im Einzelfall durchgesetzt?
Ein Drittel der Angeschriebenen hat entweder verkauft oder einen Bauantrag gestellt, mindestens oder schon gebaut. Insofern ist schon etwas daraus geworden, weil wir einige Baulücken haben schließen können. Aber es ist nicht bis zu gerichtlichen Verfahren gekommen, weil der Bund jetzt im letzten Moment das Gesetz geändert und dadurch eine Lücke aufgemacht hat, die ich nicht schließlich kann. So greift das Baugebot nicht mehr, wenn Nachfahren in gerade Linie vorhanden sind. Und so viele alleinstehende ältere Damen, die keine Nachfragen mehr haben, sind nicht Grundstückseigentümer.

Die taz interpretiert Boris Palmer mit dem Satz: „Niemand in der Partei macht so erfolgreich Klimaschutz wie ich“.
Selbstbewusst, aber vielleicht trotzdem zutreffend.

Schmerzt es Sie, dass ihre Erfolge bei der Umsetzung eines urgrünen Themas innerparteilich allenfalls heimlich anerkannt werden?
Ja, das finde ich wirklich ärgerlich, weil es auch eine Schwerpunktverschiebung zeigt. Also eine Partei, die Ökologie als ihr wichtigstes Anliegen begreift, könnte so gar nicht reagieren. Das heißt, in der kurzen Zeit von 30 Jahren, die ich Mitglied bin, ist in der Partei anderes so wichtig geworden, dass man glaubt, Erfolge im Klimaschutz vernachlässigen kann oder dass diese nichts mehr zählen, wenn man nicht auf Linie liegt bei identitätspolitischen Fragen. Für mich persönlich ist das ärgerlich, aber ich finde es für die Partei und für die Entwicklung des Landes sogar hochgradig gefährlich.

In Baden-Württemberg feiern die Grünen auf Landesebene Erfolge. Bei OB-Wahlen auf kommunaler Ebene sieht es eher mau aus. Zuviel Gutmensch-Wohlfühlfaktor bei den Grünen statt konkretem Alltag?
 Ich würde es nicht mit Wohlfühlfaktor beschreiben. Ich glaube, das Problem ist die Beschränkung auf das eigene Umfeld, innerhalb dessen man riesige Unterstützung erfährt. Und wenn man das mit der Gesamtstadt verwechselt, dann stellt man am Wahlabend erstaunt fest, dass man zwar 30 oder 40 Prozent der Stimmen hat, und die stehen alle hundert Prozent hinter einem. Aber diejenigen, die vielleicht mit 70 Prozent Überzeugung hinter einem stehen, haben alle etwas anderes gewählt. So wird man eben nicht mehrheitsfähig. Man muss anerkennen, dass die Grünen zwar eine starke Kraft sind, aber eben immer noch eine Minderheit in der Gesellschaft. Und wenn man sich um die Mehrheit nicht kümmert, kann man nicht Oberbürgermeister werden.

Tübingen ist eine selbstbewusste Universitätsstadt: Ein Lokalpolitiker namens Ernst Gumrich sagt zu Ihrem sehr ausdifferenzierten Klimaschutzkonzept: „Wir können uns diesen Luxus leisten“. Und was machen Offenbach, Oberhausen oder Bitterfeld?
Selbst wenn die These stimmen würde, würde das ja trotzdem nicht heißen, dass Tübingen es nicht machen kann. Dann können wir eben was, was andere nicht können. Das gilt sonst auch. So manche soziale Leistung der Stadt wäre in anderen finanziellen Verhältnissen nicht drin. Wir reden gerade über den Bau eines 40 Millionen Euro teuren neuen Hallenbads. Ich glaube, in Nordrhein-Westfalen wird jede Woche ein Bad geschlossen. Daraus folg aber nicht, dass Tübingen kein Hallenbad bauen darf.  Und dann folgt daraus nicht, dass Tübingen keinen Klimaschutz machen darf.

Die Frage ist ja, ist Tübingen so gut gestellt, dass es solche finanziellen Brocken leicht stemmen kann?
Ja und nein.  Ja, wir haben bessere Voraussetzungen, deswegen sehe ich auch eine Verpflichtung, sie zu nutzen. Nein, weil vieles von dem, was wir machen, sich als wirtschaftlich klug erweist. Es geht allein um die Frage des langen Horizonts. Vor zehn Jahren, als wir eine Gesellschaft für erneuerbare Energien gegründet haben, war das mühsam und wenig ertragreich. Und jetzt muss der Staat eine Übergewinnsteuer für uns machen, weil uns sonst das Geld aus den Ohren wachsen würde. Aber ökonomisch ist diese Gesellschaft jetzt eine Gelddruckmaschine. Wenn man entlang einer Grundlinie investiert, die auf 30 oder 40 Jahre hinweg richtig ist, dann hat man vielleicht kurzfristig Kosten, aber langfristig ist man wirtschaftlich auf der sicheren Seite. Genauso haben wir das gemacht.

Sie erlauben, soviel Weitsicht ist, im auf Wahltermine schielenden politischen Betrieb eher selten…

Das ist schon richtig. Aber dann verschiebt sich das Thema, dann geht es nicht mehr darum, habe ich die wirtschaftliche Option, sondern habe ich den Weitblick. Und Weitblick können auch arme Menschen haben, das ist nicht verboten.


Die grüne Partei muss Ihnen mit Blick auf Ihre Popularitätswerte die Hand ausstrecken, zumal Ihre langjährigen Gegner im öffentlichen Raum, von Springer-Presse bis FAZ, mit Ihnen nach dem dritten Wahlerfolg Frieden geschlossen haben. Da gibt es Lob für „Deutschlands vernünftigsten Grünen“, den „Unangepassten“, das „Bollwerk gegen links“ und für einen „der den Staat nicht länger als Erziehungsanstalt sieht“. Die Politik brauche „Typen wie ihn“, jubelt Ulrich Reitz. Liegt Ihr Erfolg nicht auch darin, dass die Medien Figuren brauchen, die zu ihrer eigenen politischen Blutgruppe im Widerspruch stehen?
Das war vielleicht früher so. Heute habe ich nicht den Eindruck, dass die Medien solche Typen brauchen. Vielmehr ist mein Eindruck, dass in der jungen Generation von Journalisten eine so homogene Weltsicht vorherrscht, dass sie diese Art von Widerspruch am liebsten ausmerzen würden. Bei der älteren Generation ist das anders. Da ist meiner Ansicht nach eine stärkere Vorstellung von Liberalität und Meinungsfreiheit vorhanden. Aber die Engführung des Zulässigen bei der jungen Journalistengeneration finde ich teilweise schlicht beängstigend. Ich habe gar nicht den Eindruck, dass die den Widerspruch brauchen, sie kämen gut ohne klar.

Zum Schluss ein Blick auf das Verhältnis zu Ihrer Partei, die seit Ihrem Wahlerfolg ja in einer Klemme steckt und sich genötigt sieht, Ihre Stimmen und die Ihrer grünen Gegenkandidatin einfach zum grünen Wahlerfolg zu addieren: „Wenn wir das Ergebnis zusammenzählen, liegen wir bei über 74 Prozent für die Grünen.“ Was halten Sie von dieser Art Arithmetik?
Also das ist mutig. Sicherlich waren nicht alle grün, die mich gewählt haben. Aber es ist auch nicht vollkommen falsch. Ich bin weiterhin Mitglied der Grünen, wenn auch derzeit ohne Stimmrecht auf Parteitagen. Es standen also eine Parteikandidatin und sozusagen ein grüner Volksparteikandidat zur Wahl, wenn ich mal so beschreiben darf.  Wenn man dann das Potenzial zusammenrechnet, kann man in der Stadt offensichtlich auch über 70 Prozent kommen. Ich selbst war schon mal bei 62 Prozent, der Unterschied ist also gar nicht so groß. Das bestärkt aber nur, was ich vorhergesagt habe: Mit rein-grünen Parteikollegen kommt man dann halt doch nur auf 22 Prozent. Aber wenn man Grüne so durchdekliniert, dass das, was Grün wirklich ausmacht, verbunden wird mit dem, was die Mehrheit der Menschen für ihre Stadt will, dann kann man große Mehrheiten gewinnen.

Zum Schluss eine Frage, die angesichts Ihrer Erfolge und Ihrer Popularität auf der Hand liegt, aber weit in die Zukunft gerichtet ist: Fühlen Sie sich fit für Präsident?
Nein, gar nicht. Weder mental, denn das ist eine völlig andere Art zu arbeiten, noch ehrlicherweise physisch. Ich mache jetzt 22 Jahre Politik, das ist für 50 relativ lang, Und jetzt irgendwie zu denken, jetzt mache ich 8 Jahre die Amtszeit und dann noch einmal 10 Jahre Bundespolitik…

…. Sie haben dann das Alter, in dem man in solche Ämter kommt …
Ja, aber mit 50 zwickts und zwackts schon an allen Enden und lieber gucke ich, dass ich gesund bleib.

Eine weitere Amtszeit als OB würden Sie aber nicht ausschließen?
Ausschließen sollte man so etwas sowieso nicht, vor allem nicht acht Jahre vorher. Aber ich halte es nicht für wahrscheinlich. Ich glaube, dass dann 24 Jahre im Amt tatsächlich einen Zeitraum sind, nach dem in einer Stadtgesellschaft das Bedürfnis nach etwas Neuem übergroß wird.

Herr Palmer, wir danken Ihnen für das Gespräch.

Das Interview führten Matthias Müller und Frank Pröse

Lesen Sie auch: https://bloghaus.eu/tuebinger-schultern-last-des-klimawandels/

2 Gedanken zu „Palmer will Bürokratie abschaffen

  1. Tolles Interview mit einem interessanten, klugen, widerborstigen und zugleich durchsetzungsfähigen Politiker, der zugleich bei „seinen Leisten“ bleiben will. Danke für diese Einblicke.

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