Contra 4-Tage Woche: Nicht weniger, mehr arbeiten

„Geht´s noch?!“, möchte man ausrufen, wenn man die jüngste Forderung aus der Industriegewerkschaft Metall zu einer radikalen Arbeitszeitverkürzung liest. Hat man doch gerade im Artikel zuvor gelesen, dass inzwischen nicht mehr nur der Mangel an Fachkräften, sondern inzwischen auch die Knappheit von Arbeitskräften aller Qualifikationsstufen zu einem empfindlichen Risiko für Wirtschaft und Wohlstand geworden sind. Man erlebt und liest es immer öfter – Autos können nicht ausgeliefert werden, weil Teil fehlen, die wiederum wegen fehlender Arbeitskräfte nicht rechtzeitig ans Montageband geliefert wurden. Die S-Bahn fällt aus, weil kein Ersatz für den erkrankten oder urlaubenden Fahrer vorhanden ist. Mülltonnen bleiben ungelehrt, weil es auch bei den kommunalen Betrieben an Kräften fehlt. Von den seit Jahren bekannten Personalnöten bei Pflege und medizinischer Versorgung gar nicht erst zu reden. 

60 Prozent aller Unternehmen sehen im Fachkräftemangel ein bedeutendes Geschäftsrisiko. Gleich nach den hohen Energiepreisen ist dies die Nummer 2 im Angstranking der Manager und Unternehmer. Das Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) rechnet Jahr für Jahr eine sogenannte „Stellenüberhangsquote“ aus. Diese bezeichnet den Anteil der offenen Stellen, die nicht adäquat besetzt werden können, weil es an Bewerbern fehlt. Zuletzt lag diese Quote im Jahr 2022 bei 45,9 Prozent. Akkurat haben die Kölner Forscher zudem ausgerechnet, wie viele Fachkräfte der Wirtschaft fehlen. 345.865 seien es im Jahr 2022 im Mittel gewesen. Der CEO der privaten Arbeitsvermittlungsfirma Stepstone, Sebastian Dettmers, hat im letzten Jahr ein ganzes Buch über die düstere Vision der „Großen Arbeiterlosigkeit“ geschrieben.

Auch die Europäische Kommission sieht eines der größten Risiken für den Wohlstand in Europa im Arbeitskräftemangel. Sie empfiehlt mehr Investition in Qualifizierung, die Erhöhung der Erwerbsbeteiligung von Frauen und die Mobilisierung der „stillen Reserve“ inaktiver Menschen, Zuwanderung von qualifizierten Arbeitskräften aus Drittstaaten außerhalb der EU, aber auch mehr finanzielle Anreize zur Arbeitsaufnahme, sprich höhere Löhne, und die Verbesserung der Arbeitsbedingungen, also mehr gute und sinnstiftende Arbeit, von der man gut leben kann und die Spaß macht. Von Arbeitszeitverkürzung ist in dem Papier der in aller Regel wissenschaftlich gut beratenen EU-Kommission nirgends die Rede, eher davon, dass man, auch zur Sicherung der Renten, Wege suchen möge, wie man Älteren eine längere aktive Beteiligung an der Erwerbsarbeit ermöglichen kann. 

Auf dem Weg zur Teilzeitrepublik

Schaut man sich mal die Statistiken der Beschäftigung in Deutschland an, wird man unschwer erkennen, dass wir ohnehin schon auf dem Weg in eine Teilzeitrepublik sind. Die Teilzeitquote, also der Anteil der Teilzeitbeschäftigten an allen Erwerbstätigen stieg von 18,5 Prozent im Jahr 1991 auf 38,6 Prozent im Jahr 2019, von 4,5 auf 19,8 Prozent bei den Männern und von 35,9 auf 58,2 Prozent bei den Frauen. Während die Zahl der Erwerbstätigen von 1991 bis 2019 um erfreuliche 16,5 Prozent zunahm, stieg das Arbeitsvolumen, also die Gesamtzahl aller während eines Jahres im Lande geleisteten Arbeitsstunden nur um 3,4 Prozent (53 Milliarden Stunden wurden im Jahr 2019 in Deutschland geleistet). Die durchschnittliche, tatsächliche Arbeitszeit ging von 1.327 Stunden auf 1.266 Stunden pro Jahr zurück. Vor allem bei den Vollzeitkräften wird im Durchschnitt weniger gearbeitet. Bei den Teilzeitkräften blieb die durchschnittliche jährliche Arbeitszeit in etwa gleich, was darauf hindeutet, dass immer mehr Teilzeitarbeit im Zwischenraum zwischen Voll- und Halbtagsarbeit angesiedelt ist. 

De facto hat man sich also schon auf den Weg in die 4-Tage-Woche gemacht. Allerdings nicht nach Schema F einheitlich für alle, sondern in einer Vielzahl von Arbeitszeitarrangements, die zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern vereinbart wurden. Die Landschaft der Arbeitszeit ist insofern auch ein Spiegel einer sich zunehmend individualisierenden und diversifizierenden Gesellschaft mit einer Vielzahl von Lebenssituationen, Präferenzen und Lebensarrangements, die sich in einem Arbeitsleben zudem immer wieder verändern. Das standardisierte Normalarbeitsverhältnis war gestern. Heute ist die Zeitlandschaft vielfältiger geworden. 

Wozu dann die Gewerkschaftsforderung? 

Die Älteren werden sich noch an den Kampf um die 35-Stunden-Woche Anfang der 1980er Jahre erinnern. Auch hier war die IG Metall die treibende Kraft. Die wirtschaftliche Situation war nur eine ganz andere als heute. Nicht „Arbeiterlosigkeit“, sondern eine verfestigte und immer weiter steigende Massenarbeitslosigkeit prägte das Bild. Arbeitszeitverkürzung sollte damals auch dazu beitragen, die Arbeitslosigkeit zu bekämpfen. Wenn die Arbeitszeit für alle verkürzt wird, so der Gedanke, müssen die Betriebe zum Ausgleich mehr Menschen einstellen. Damit kann Arbeit besser verteilt werden. Arbeitszeitverkürzung könnte so durchaus ein Akt von Solidarität innerhalb der Arbeitnehmerschaft sein. Die Gewerkschaft war in der Folge der Arbeitskämpfe um die 35-Stunden-Woche in diesem Sinne auch durchaus bereit, sich auf einen schrittweisen Prozess der Verkürzung der regulären Wochenarbeitszeit in der Metallbranche einzulassen, auch zu einem Verzicht auf vollen Lohnausgleich. Es gab zwar keine Lohnkürzungen bei geringerer Arbeitszeit, aber der prinzipiell vorhandene Erhöhungsspielraum wurde in den Lohnverhandlungen eine Zeit lang nicht voll ausgeschöpft, um den Unternehmen bei der Finanzierung der Arbeitsverkürzung entgegen zu kommen. 

Die damals entstehenden Initiativen zum Vorruhestand hat ebenfalls ein solidarisches Grundmotiv. Man wollte Ältere früher in die Rente verabschieden, um in den Betrieben Platz für Jüngere zu machen. Denn auch die Jugendarbeitslosigkeit war in den achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts in eine kritische Größenordnung angestiegen. Hier half oft auch der Staat, der Vorruhestandsregelungen aus der Rentenkasse mitfinanzierte, um Einkommensverluste der Frührentner zu vermeiden oder zumindest einzugrenzen. Arbeitsverkürzung als solidarisches Modell der Umverteilung von Arbeit, Einkommen und Lebenschancen. Das war damals durchaus eine gute Idee, für die sich viele eingesetzt haben. 

Heute aber gibt es ein ganz anderes Umfeld. Der Wohlstand ist nicht durch Arbeitslosigkeit bedroht, sondern durch Arbeitskräfteknappheit. Wenn man auf die Zeitreihen der Demographie schaut, wird klar, dass die jetzigen Probleme bei der Besetzung offener Stellen wahrscheinlich nur ein harmloses Vorspiel zu den dramatischen Engpässen sind, die uns in den nächsten Jahren ins Haus stehen, wenn die Baby-Boomer in Rente gehen. Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) hat errechnet, dass das Erwerbspersonenpotential bis 2060 um ein Drittel zurückgeht, wenn die Erwerbsbeteiligung und die Arbeitszeit so bleiben wie heute. Nur wenn man die Erwerbsbeteiligung deutlich steigert und Zuwanderung von Arbeitskräften stattfindet, lässt sich dieser dramatische Einbruch vermeiden. Und nur, wenn konstant jedes Jahr 400.000 einigermaßen beschäftigungsfähige Menschen nach Deutschland einwandern, lässt sich die Zahl der Erwerbspersonen konstant halten.

Integration wird zu Mammutaufgabe

Wenn man sieht, dass Immigration schon jetzt zu einem zentralen Streitpunkt in der Gesellschaft geworden ist, bekommt man eine Ahnung, was der Gesellschaft hier noch an Belastungsproben ins Haus steht. Einfach nur „Vielfalt“ und eine „bunte Republik“ zu proklamieren, wie das viele Migrationsbefürworter tun, wird nicht ausreichen, um den gesellschaftlichen Frieden zu erhalten. Es werden massive Investition in Integration und massive Anpassungsleistungen der Bevölkerung notwendig, wenn man diese große Wanderung konstruktiv gestalten will. Man sollte auch erkennen, dass die bisherige Integrationsleistung der Gesellschaft nicht mit der künftig zu leistenden zu vergleichen ist. Die Länder in Ost-, Südost- und Südeuropa, aus denen bisher ein großer Teil der alles in allem sehr erfolgreich integrierten Menschen kam, leiden unter noch größeren demographischen Ungleichgewichten als Deutschland. Schon jetzt gehen die Migrationsströme aus diesen Ländern zurück, teilweise fangen sie sogar an, sich umzukehren. Mehr Menschen ziehen zurück in ihre Herkunftsländer, weil es inzwischen auch dort viel Arbeit und steigende Löhne gibt. Die künftige Zuwanderung muss aus entfernteren Teilen der Welt organisiert werden, mit größerer kultureller Distanz zu Europa und mit größeren Herausforderungen, was Qualifizierung und Bildung angeht. 

In einer solchen Situation wäre es geradezu verrückt, das Arbeitsangebot hier durch unbedachte und nur aus partikularen Interessenlagen einzelner Branchen begründeten Aktionen weiter zu reduzieren. Zumindest nicht gut durchdacht wäre es auch in der kurzfristigen wirtschaftlichen Betrachtung. Wie jeder selbst nachrechnen kann, erhöhen sich die Arbeitskosten beim Übergang von 5 auf 4 Arbeitstage bei gleichmäßiger Verteilung der Wochenarbeitszeit auf diese Tage um 25 Prozent, wenn es einen vollen Lohnausgleich gibt. Das passt nicht zu recht zu einer Situation, in der sich Schlüsselbranchen wie die Automobilindustrie einem verschärften internationalen Wettbewerb ausgesetzt finden, in dem die Kosten eine größere Rolle spielen werden, wenn technologische Vorsprünge gegenüber den Wettbewerbern aus Asien, Türkei und bald vielleicht auch Afrika kleiner werden oder sogar ganz verschwinden. 

Um den Wohlstand zu erhalten, braucht Deutschland vielmehr eine ganzheitliche Strategie, die an verschiedenen Punkten gleichzeitig ansetzt:

  • Das Erwerbspotential muss stärker ausgeschöpft werden – mehr Frauen in Arbeit, mehr Vollzeitarbeit, längere Lebensarbeitszeit, flexiblere Arrangements, die auch Arbeit jenseits des Rentenalters erlauben, mehr Anreize für Menschen ohne Arbeit, schnell und nachhaltig Arbeit aufzunehmen.
  • Das Bildungssystem muss endlich mehr Qualität liefern. Wir können uns eine hohe Rate von Schulabgängern ohne Abschluss, Defizite beim Rechnen und Schreiben bei vielen jungen Menschen mit Abschluss und Fehlsteuerung der Bildungs- und Berufswege durch chaotische Übergänge von der Schule in den Beruf nicht mehr leisten.
  • Zuwanderung ist notwendig, muss aber klug gesteuert werden. Nicht Multikulti und ein fundamentalistischer Pseudohumanismus können dabei Orientierung geben, sondern ein klarer Fokus auf die Bedarfe des deutschen Arbeitsmarktes und eine realistische Integrationspolitik, die Willkommenskultur mit klaren Erwartungen sowohl an die Integrationsbereitschaft der neu Ankommenden wie an die Aufnahmebereitschaft, Toleranz und Lernbereitschaft der vorhandenen Bevölkerung verbindet. 

Jeder dieser Punkte steht für eine Herkulesaufgabe der Politik. Viele sind an diesen Aufgaben schon gescheitert. Dennoch müssen immer wieder neue Anläufe unternommen werden, um hier voran zu kommen. 

Die von vielen gepflegte Horrorvision eines massenhaften Arbeitsplatzverlustes durch Digitalisierung, künstliche Intelligenz und technische Innovation verwandelt sich in diesem Szenario in einen Hoffnungswert, der (vielleicht) dazu beitragen kann, die negativen Wirkungen der „Arbeiterlosigkeit“ ein wenig zu mildern, das heißt mit weniger Arbeit zumindest gleich viel Werte zu schaffen. Auch hier haben die Älteren den Vorteil, sich daran erinnern zu können, dass auch in den 1980er Jahren der Einsatz der ersten Roboter in der Produktion und des Computers im Büro massive Ängste vor gigantischen Arbeitsplatzverlusten ausgelöst haben. Nichts von dem ist eingetroffen. Neue Arbeitsplätze entstanden schneller als alte „wegrationalisiert“ wurden. Die Arbeitsplatzbilanz der Computerisierung auf gesamtwirtschaftlicher Ebene war positiv. Nichts spricht bisher dafür, dass es bei der Digitalisierung anders sein wird. 

Geht´s noch mit der 4-Tage-Woche?

Es gibt vielleicht ein Szenario, wo eine kollektive Arbeitszeitverkürzung Sinn machen könnte. Das ist eine ökologische Transformation der Wirtschaft in Richtung Null- oder Negativwachstum („De-Growth“). Es ist nicht zu bestreiten, dass es einen Konflikt zwischen Wachstum und Verhinderung des ökologischen Kollapses durch Klimaerwärmung und Übernutzung der natürlichen Umwelt durch die technische Zivilisation gibt. Die Argumente für Wachstumsverzicht scheinen mindestens ebenso einleuchtend, wie die Argumente für die Möglichkeit der Bewältigung der Klimakrise durch „grünes Wachstum“, wenn nicht sogar ein wenig plausibler. Eine Wirtschaft in einem gesteuerten Rückwärtsgang wird Lösungen für die dann entstehenden schweren Verteilungskonflikte finden müssen. Hier könnte Arbeitszeitverkürzung eine wichtige Rolle spielen, wenn es gelingt „Zeitwohlstand“ als glaubhaftes Substitut für materiellen Wohlstand zu gestalten. Aber das geht natürlich nur, wenn auch jeder Einzelnen einen gewissen Rückwärtsgang bei seinem Konsum und seinen finanziellen Möglichkeiten akzeptiert. Die Transformation von materiellem Wohlstand in zumindest teilweise dematerialisierte Lebensqualität mit Zeitwohlstand und alternativen Sinnhorizonten ist bisher noch fast nirgends in größerem Ausmaß gelungen. Die drängenden ökologischen Probleme scheinen aber auch hier immer wieder neue Anläufe notwendig zu machen. Auch dies sicher Herkulesaufgaben für die Politik. Aber – wie heißt es so schön? Einfach kann jeder. 


Titelfoto: pixabay

Ein Gedanke zu ”Contra 4-Tage Woche: Nicht weniger, mehr arbeiten

  1. Kann man(n) so sehen, muss man aber nicht. Unter dem Gesichtspunkt einer gerechteren Gesellschaft hat Rosi Haus (Pro 4-Tage-Woche) mindestens genauso gute Argumente. Und vielleicht sollten wir auch nochmal über unser offensichtlich tiefsitzendes preußisch-protestantisches Arbeitsethos nachdenken. Oder wie mein Grossvater sagte: Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen. Heißt: So lange essen, bis man schwitzt. Er war oberschwäbischer Bauer und Bürstenbinder.

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