Wir dürfen hoffen

Die sogenannten Tage „zwischen den Jahren“ sind besonders. Vorweihnachtlicher Stress und Festtagstrubel liegen hinter uns. Es ist eine Zeit der Ruhe, des Innehaltens und angesichts des Jahreswechsels auch eine gute Gelegenheit darüber nachzudenken, was war und was wird: Worüber haben wir uns gefreut, was hat uns belastet, mit welchen Schicksalsschlägen mussten wir fertig werden und was wird im neuen Jahr sein? Was wollen wir in unserem persönlichen Umfeld verändern, vielleicht besser machen? Es ist sicher auch eine Zeit des Abschieds und Neubeginns, wieder einmal. 

Bei unserem letzten Treffen 2023 haben wir von bloghaus.eu das Jahr Revue passieren lassen. Und eigentlich wollten wir unsere Erkenntnisse in einem Artikel zusammenfassen. Letztlich hätten wir wenig Positives präsentieren können. Zum Jahresausklang wollten wir aber kein überwiegend düsteres Bild zeichnen, sondern versuchen, eine positive, zuversichtliche und hoffnungsvolle Stimmung zu erzeugen.
Da stellt sich die Gretchenfrage: Gibt es in den Wirren der Gegenwart noch etwas, das uns hoffnungsfroh stimmen könnte, denn Hoffnung gibt erzeugt Kraft und neue Energien. 
Natürlich ist uns bei allem Hoffen bewusst, dass Hoffnung „ein schwer greifbares Phänomen ist, das uns in vielen Formen begegnet“, wie die Physikerin und Philosophin Claudia Blöser in ihrem Habilitationsprojekt an der Goethe-Universität Frankfurt resümiert. Hoffnung sei klar von Optimismus zu unterscheiden ist, der das, was erwünscht ist, als wahrscheinlich ansieht. Auch Wissen spiele für Hoffende eine Rolle, da sie die Sachlage kennen müssten, um nicht auf Illusorisches zu bauen.

Andererseits, so Blöser weiter, gibt es keine Hoffnung ohne Zweifel. Immanuel Kant gilt ihr als zentraler Gewährsmann in der Philosophiegeschichte. Kant stellt auch die Frage: „Was dürfen wir hoffen?“ ins Zentrum der Philosophie. Er war es auch, der darauf verwies, dass Hoffnung dort ins Spiel kommt, wo der Mensch an die Grenzen seines Wissens und Handelns stößt, was ja aktuell auf einen Großteil der Bevölkerung zutrifft.

Aber Hoffnung kann durchaus auch trügerisch sein, wie der Philosoph Wilhelm Schmid in einem Artikel für die „Neue Zürcher Zeitung“ (NZZ) nüchtern feststellt. Sie bedürfe deshalb einer kritischen Überprüfung, weil ansonsten Hoffnung auch den falschen Weg weisen könne. Man sollte dann auf die Option Hoffnung verzichten, wo Realismus die bessere Option sei, so Schmidt. Deshalb müsse Kants Frage nach dem „Was darf ich hoffen?“ ergänzt werden mit der Frage: „Was darf ich besser nicht hoffen, um eventuell auf andere Möglichkeiten ausweichen zu können?“ Aber bei allem Zweifel bleibe das berechtigte Hoffen auf das Gute.

Aktuell erleben wir ja das Gute: In vielen Überschwemmungsgebieten waren und sind Rettungskräfte und freiwillige Helfer im Einsatz. Dazu gehörten auch solche aus dem Ahrtal, die vor einem Jahr selbst eine schwere Überschwemmungskatastrophe erleben mussten. Und im ablaufenden Jahr haben beispielsweise viele Freiwillige in Hilfsorganisationen ihren Beitrag dazu geleistet, dass die Menschen in den Krisengebieten mit dem Notwendigsten versorgt werden konnten. Unser Rechtsstaat, die Gewaltenteilung, all dies funktioniert noch, die Presse ist unabhängig, und wir dürfen nach wie vor „auf der Straße“ unsere Meinung kundtun, auch wenn antisemitische Äußerungen weh tun und deshalb auch per Gesetz künftig verhindert werden sollen.

Gleichwohl fragen wir uns am Ende dieses krisenhaften, für uns alle schwierigen Jahres, zu Recht, worauf wir – außerhalb unseres persönlichen Umfelds – in 2024 hoffen dürfen. 
Na klar, dass endlich die Kriege in der Ukraine und im Gazastreifen beendet werden können, dass die Ampel endlich die Kurve kriegt und sich nicht mehr auf offener Bühne streitet, dass die Regierung den Bürgerinnen und Bürgern unseres Landes klar sagt, welche Veränderungen auf sie zukommen, dass die demokratischen Parteien im Bundestag sich vielleicht doch noch dazu aufraffen und gemeinsam nach Lösungen suchen, wie dieses Land vorangebracht werden kann, wirtschaftlich und auf den sozialen Zusammenhang ausgerichtet. Schließlich haben sie auch gemeinsam die Versäumnisse der letzten Jahrzehnte zu verantworten. So haben sie beispielsweise den Transformationsprozess in unserem Land nicht entschlossen genug vorangetrieben und zu wenig in die marode Infrastruktur investiert.

Ein gemeinsames Handeln könnte auch dazu beitragen, dass die Menschen in unserem Land wieder mehr Vertrauen in die Politik gewinnen, dass, wie es der Autor Wolf Lotter im Deutschlandfunk Kultur formulierte, „das Blöde nicht gewinnt, weil das immer zum Bösen führt, das die Blöden braucht“. Man könnte es auch mit Roger Willemsen sagen: „Der Empörer braucht den Empörten wie der Sonnenkönig das Solarium“. Auch darum geht es, um die Hoffnung, dass die AfD, dass rechtsradikale Tendenzen unser Land künftig nicht dominieren, nicht die Vorherrschaft übernehmen können. Dass wir den Mut haben, um es mit Kant zu sagen, uns unseres Verstandes zu bedienen. Dass wir uns klarmachen, dass die Lösung unserer Probleme nicht in einfachen Antworten liegt, wie die AfD glauben machen will. 

Und der Philosoph Ernst Bloch hatte recht, wenn er sagte, dass wir aufhören müssen, „immer nur übers Scheitern zu reden und lieber anfangen sollten, uns ins Gelingen zu verlieben“. Das ist kein Zweckoptimismus, sondern real. Und all dies können wir als Gesellschaft schon beeinflussen, diese Hoffnung liegt nicht außerhalb unserer Reichweite. Aber dafür müssen wir etwas tun, die Hoffnung mit Leben erfüllen, Verantwortung für den gesellschaftlichen Zusammenhalt übernehmen und unsere demokratischen Grundprinzipien zu leben, so wie sie in unserer Verfassung festgeschrieben sind, und daran festzuhalten. Das geht! Und es wäre gut!

In diesem Sinne wünschen wir von bloghaus.eu alles Gute im neuen Jahr.

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