Die Dazwischen-Partei

In einem sich wandelnden Parteiensystem sucht die SPD ihre Rolle

„Und schuld daran ist nur die SPD“ – dieser Satz prägt derzeit wieder die politische Debatte. Ältere Leser erinnern sich vielleicht an Rudi Carells Schlager „Wann wird’s mal wieder richtig Sommer“ aus 1975. Mit ironischem Unterton dichtete Carell: „Denn schuld daran ist nur die SPD-he-he“. Gesellschaftskritik wurde humorvoll verpackt – und funktionierte gerade deshalb, weil die SPD damals so präsent war, dass man ihr sogar scherzhaft das miese Wetter anlastete.

In den 1970er Jahren standen die Sozialdemokraten im Zentrum heftiger politischer Auseinandersetzungen. Willy Brandts Ostpolitik polarisierte, und konservative Kreise bezeichneten die SPD nicht selten als „vaterlandslose Gesellen“. Doch unabhängig von Zustimmung oder Ablehnung war die Partei gesellschaftlich dominant und politisch prägend.

Heute hat sich das Bild grundlegend verändert. Die SPD regiert zwar erneut mit – diesmal als Juniorpartner der CDU –, doch ihr politisches Gewicht schwindet. Gleichzeitig bleibt sie ein bevorzugtes Ziel politischer Schuldzuweisungen. Wenn Reformen stocken, gesellschaftliche Spannungen wachsen oder das Vertrauen in die Politik sinkt, richtet sich der Blick reflexartig auf die Sozialdemokraten.

Auch Bundeskanzler Friedrich Merz zeigte dieses Spannungsverhältnis jüngst in der ARD-Sendung „Caren Miosga“: Mit der Aussage „Ich habe keine Vollmacht, die CDU umzubringen“ adressierte er deutlich den Koalitionspartner und forderte „die gleiche Kompromissbereitschaft, wie wir sie zeigen“. Solche Worte verdeutlichen, wie angespannt die Beziehung zwischen den Partnern inzwischen ist – und nähren Spekulationen über die Stabilität der Regierung. Die SPD wird damit zunehmend zur Projektionsfläche politischer Unzufriedenheit, die sich auch in den Zahlen niederschlägt: Die aktuellen Umfragen zeichnen ein dramatisches Bild: Bundesweit liegt die SPD nur noch bei etwa 12 bis 14 Prozent – ein historischer Tiefstand.

Auch die jüngsten Landtagswahlen bestätigen den Trend. In Baden-Württemberg erzielte die SPD mit 5,5 Prozent ihr schlechtestes Ergebnis in der Geschichte des Landes, in Rheinland-Pfalz erreichte die Partei zwar noch knapp 26 Prozent, verlor jedoch fast zehn Prozentpunkte und stellte nach 35 Jahren erstmals nicht mehr den Ministerpräsidenten. Die kommenden Landtagswahlen deuten auf weitere Verluste hin. In Sachsen-Anhalt muss die SPD gar um den Einzug in den Landtag kämpfen, in Mecklenburg-Vorpommern drohen trotz der Popularität von Ministerpräsidentin Manuela Schwesig deutliche Einbußen und in Berlin sehen die Umfragen die Partei ebenfalls im Rückwärtsgang.

Warum simple Erklärungen zu kurz greifen

Die SPD wirkt zunehmend wie ein Schatten ihrer früheren Größe. Die einstige Volkspartei der „Malocher“ steht vor der Frage, ob sie sich noch in einer Krise befindet – oder bereits in einer Phase strukturellen Niedergangs. Ist aus der Partei, die einst Zukunftsoptimismus ausstrahlte, ein Verein von Pessimisten geworden? Und: Welche Rolle kann die SPD in einem Parteiensystem spielen, das sich grundlegend verändert hat?

Die Erklärung in den Medien und Parteien für den Niedergang der SPD ist etabliert und wiederholt sich wie ein Mantra: Mangelnde Reformbereitschaft, der Verlust an Wirtschaftskompetenz, Wahrnehmung als „Partei der Transferempfänger“  und damit Verlust der Verbindung zu arbeitenden Menschen, wie der SPD-Co-Vorsitzende Lars Klingbeil selbstkritisch analysierte, und der Verlust eines klaren Profils oder wie es die Sozialdemokarten immer wieder selbst formulieren: die Menschen wissen nicht mehr, für wen und für was die Partei steht. Diese gängigen Deutungen mögen als Schlagworte taugen, erklären aber weniger die Tiefe des Problems, denn die SPD agiert längst nicht mehr im „klassischen“ Parteiensystem der Nachkriegszeit, das von großen Volksparteien und stabilen Milieus geprägt war. Deshalb lohnt – um das heutige Dilemma zu verstehen – ein Blick zurück. 

Vom System der Volksparteien zur Zersplitterung

Nach dem Zweiten Weltkrieg waren SPD, CDU/CSU und FDP Garanten politischer Stabilität. Sie bündelten soziale Interessen und verbanden unterschiedliche Bevölkerungsgruppen – Arbeiter, Angestellte, Selbstständige. Die SPD war eine politische wie gesellschaftliche Integrationskraft, die Konflikte in der Gesellschaft durch ihre Organisationen aufzufangen und auszugleichen vermochte, unterschiedliche soziale Interessen zu verbinden, politische Streitigkeiten zu entschärfen und verschiedene Bevölkerungsgruppen ins politische System einzubinden. Fragen von Arbeit, sozialem Aufstieg und staatlicher Gestaltung wurden zu einem zusammenhängenden politischen Angebot verbunden. Die SPD war nicht nur eine Partei – sie war eine gesellschaftliche Kraft.

Seit den 1980er Jahren hat sich das Parteiensystem zunehmend fragmentiert:   zunächst durch die Grünen, später durch die PDS bzw. Linkspartei und schließlich seit 2013 durch die AfD mit der Folge, dass die traditionellen Volksparteien Stimmeneinbußen hinnehmen mussten. Auch die CDU musste sich von ihren früheren Ergebnissen von über 40 Prozent verabschieden. Die Folge ist eine tiefgreifende Zersplitterung politischer Identitäten und ein Zeichen riesiger gesellschaftlicher Veränderungen. Arbeitsplätze fragmentieren sich, berufliche Biographien werden brüchiger, soziale Gruppen unterscheiden sich stärker voneinander und politische Bindungen nehmen ab. 

Zudem zeigen Studien der Bertelsmann-Stiftung einen deutlichen Vertrauensverlust in Parteien und Parlamente – quer durch alle Milieus. Dieser Vertrauensverlust verweist auf tiefere strukturelle Verschiebungen im Verhältnis zwischen politischem System und Gesellschaft. Zum einen hat sich die Erwartungshaltung gegenüber Politik grundlegend verändert. In einer zunehmend beschleunigten, von Krisen geprägten Gegenwart – Kriege, Finanz- und Haushaltskrisen, Investitionsstau, Pandemie, Energiepreise, geopolitische Spannungen – wächst der Druck auf politische Akteure, schnelle, sichtbare und zugleich nachhaltige Lösungen zu liefern. Gleichzeitig sind die tatsächlichen Handlungsspielräume nationalstaatlicher Politik durch Globalisierung, europäische Integration und ökonomische Interdependenzen begrenzt. Aus dieser Diskrepanz zwischen Erwartung und wahrgenommener Leistungsfähigkeit entsteht ein strukturelles Enttäuschungspotenzial, das sich zunehmend in Misstrauen übersetzt.

Zum anderen verändert sich die politische Kommunikation. Bashing in sozialen Medien verstärken Konflikte, vereinfachen komplexe Zusammenhänge und privilegieren zugespitzte Positionen. Differenzierung, Abwägung und Kompromiss – zentrale Elemente demokratischer Entscheidungsprozesse – erscheinen unter diesen Bedingungen nicht als Stärke, sondern als Schwäche. Etablierte Parteien, die auf genau diesen Mechanismen beruhen, geraten dadurch in einen systematischen Nachteil gegenüber Akteuren, die klare, einfache, oft konfrontative Botschaften, aber niemals Lösungen anbieten.

Hinzu kommt ein langfristiger Erosionsprozess politischer Bindungen. Klassische Milieus, die über Jahrzehnte stabile Wählerloyalitäten gewährleisteten, lösen sich auf. Parteimitgliedschaften gehen zurück, intermediäre Organisationen verlieren an Bedeutung, und politische Identifikation wird situativer. Vertrauen ist unter diesen Bedingungen weniger ein dauerhaftes Verhältnis als vielmehr eine fragile, jederzeit revidierbare Zuschreibung.

Vor diesem Hintergrund erklärt sich auch, warum dieser Vertrauensverlust die SPD in besonderer Weise trifft. Als historische Integrationspartei war sie stärker als andere auf stabile Bindungen, langfristige Loyalitäten und die Vermittlung zwischen unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppen angewiesen. Genau diese Grundlagen erodieren jedoch.

Zugleich war und ist die SPD über viele Jahre überdurchschnittlich stark in Regierungsverantwortung eingebunden – auf Bundes- wie auf Landesebene. Damit wird sie in der Wahrnehmung vieler Wählerinnen und Wähler stärker mit dem „System“ insgesamt identifiziert. Wo Politik als unzureichend oder überfordert erlebt wird, richtet sich Kritik daher nicht abstrakt gegen Institutionen, sondern konkret gegen jene Parteien, die für Kontinuität und staatliche Handlungsfähigkeit stehen. Die SPD wird so im besonderen Maße zur Projektionsfläche allgemeiner Unzufriedenheit.

Hinzu kommt eine spezifische Wahrnehmungsfalle: Gerade, weil sozialdemokratische Politik häufig auf Ausgleich, Moderation und langfristige Strukturpolitik setzt, sind ihre Erfolge weniger spektakulär und kurzfristig sichtbar als ihre Kompromisse. Maßnahmen wirken oft indirekt und zeitverzögert, während Konflikte und Zielabweichungen unmittelbar wahrgenommen werden. In einer politischen Öffentlichkeit, die auf schnelle Resonanz ausgerichtet ist, verschiebt sich dadurch das Verhältnis von wahrgenommenem Erfolg und wahrgenommener Verantwortung systematisch zulasten der SPD. 

Schließlich trägt auch die programmatische Breite der Partei zu diesem Effekt bei. Ihre Anschlussfähigkeit in unterschiedliche gesellschaftliche Richtungen, die historisch eine Stärke war, erschwert unter heutigen Bedingungen die klare Zuschreibung politischer Leistungen. Wo viele Positionen integriert werden, verschwimmt das Profil; wo das Profil unscharf erscheint, sinkt die Fähigkeit, Vertrauen gezielt zu mobilisieren.

Der Vertrauensverlust gegenüber den etablierten Parteien ist somit kein zufälliges Phänomen, sondern Ausdruck eines strukturellen Wandels politischer Repräsentation. Daneben orientieren sich die Wählerinnen und Wähler inzwischen stärker entlang konkreter Themen oder des aktuellen Eindrucks. Sie entscheiden heute von Fall zu Fall – weniger entlang langfristiger Bindung an eine Partei, sondern stärker entlang konkreter Themen wie Wirtschaftspolitik und Wettbewerbsfähigkeit, Umweltpolitik, innere und äußere Sicherheit, Migration, Digitalisierung oder dem Umgang mit dem Sozialstaat.

Nicht mehr das traditionelle Arbeitermilieu steht im Vordergrund – jene Umgebung, auf der die SPD einst aufbaute. Für eine Partei, deren Funktionsweise auf langfristiger Bindung beruhte, bedeutet dies eine tiefgreifende grundlegende Herausforderung. Die SPD verliert dabei weniger einzelne Wählergruppen als vielmehr die sozialen Mechanismen, die ihre Rolle im System früher trugen. Die immer gleichen Beschwörungsformeln nach mehr sozialer Gerechtigkeit, mehr Erklären oder mehr Zuhören funktionieren einfach nicht mehr – weil sie auf den Grundannahmen eines Parteiensystems beruhen, das so nicht mehr existiert. 

Agenda 2010: Ein Wendepunkt und sein Mythos


Um zu verstehen, wie es zu dieser Situation kam, hilft ein Blick auf die Reformpolitik der Schröder-Jahre, die bis heute nachwirkt. Historisch gesehen war es eine Kernfähigkeit der SPD, gesellschaftliche Spannungen abzumildern und auszugleichen. Sie war nicht nur eine Partei die Sozialreformen, sondern auch eine glaubwürdige Wirtschaftspartei – eine Reputation, die von Karl Schiller als Wirtschaftsminister der 1960er Jahre herrührte und unter Helmut Schmidt und später Gerhard Schröder bestehen blieb.

Willy Brandts historisches Zitat „Mehr Demokratie wagen“ von 1969 galt als Signal für einen umfassenden Kurs von Neuerungen – die Absicht, Demokratie über das Parlament hinaus im täglichen Leben zu verankern. Doch dieser Reformgeist hatte eine Grenze. Schröder versuchte in den 1990er Jahren, den Wandel der Wirtschaft abzufedern. Die Agenda 2010 und Hartz-IV-Reformen zeigten den Versuch, soziale Absicherung im Rahmen eines weltweit verflochtenen Arbeitsmarktes neu zu organisieren.

Allerdings war Schröders Agendapolitik innerhalb der SPD heftig umstritten und gilt bis heute als Anfang des Abstiegs der Partei. Diese Erzählung ist fest verankert: Schröder habe die Arbeiter im Stich gelassen, und deshalb wende sich die SPD-Basis von der Partei ab. Aber hier lohnt sich ein genauerer Blick. Der renommierte Meinungsforscher Manfred Güllner argumentiert überzeugend, dass dies einem großen Mythos entspricht. Etliche Untersuchungen seines Forsa-Instituts zeigten, dass eine übergroße Mehrheit der Bürger von der Notwendigkeit umfassender Reformen überzeugt war.

Güllners zentrale Erkenntnis lautet: „Anders als bis heute in weiten Teilen der SPD angenommen, brachte nicht Schröders Modernisierungskurs die SPD in Schwierigkeiten, sondern die mangelnde innerparteiliche Unterstützung dieses Kurses.“ Das ist ein entscheidender Punkt: Es war nicht die Reformpolitik selbst, die geschadet hat, sondern die Tatsache, dass die Partei nicht geschlossen dahinterstand. Das Vertrauen in die SPD wurde beschädigt – nicht primär durch die Politik, sondern durch die innerparteiliche Skepsis und Zerreißproben. Auch den weit verbreiteten Glauben, dass die SPD nach dem Regierungsverlust 2005 ihre Fähigkeit für soziale Gerechtigkeit verloren habe, hält Güllner für einen Mythos. Was massiv beschädigt wurde, war die Glaubwürdigkeit in Wirtschaftsfragen – bereits am Ende der rot-grünen Koalition, ausgelöst durch die innerparteiliche Skepsis gegenüber Schröders Reformkurs.

Die SPD wurde nicht zur Partei der Ungerechtigkeit, sondern zur Partei ohne Vertrauen in Wirtschaftsfragen. Der Versuch der Ampelkoalition, Hartz IV in das Bürgergeld umzuwandeln, sollte zeigen, dass die SPD wieder „für die Schwachen eintritt“. Aber diese Reform führte nicht zur erwarteten Rückgewinnung betroffener Wählergruppen. Im Gegenteil: Unabhängig von deren sachlicher Bewertung empfanden sich gerade Arbeitnehmer übergangen und wandten sich stärker der AfD zu. Der symbolische Eindruck war offenbar wichtiger als die tatsächliche Politikänderung – und dieser Eindruck war, dass die SPD nicht mehr die Partei der Arbeitnehmer, sondern die Partei derjenigen ist, die von Sozialleistungen abhängig sind. Selbst die aktuell in der Koalition vereinbarte Änderung des Bürgergelds in die sogenannte Grundsicherung konnte diesen Wahrnehmungswandel bis heute nicht aufheben.
Diese innerparteilichen Spaltungen wirken nach – besonders sichtbar in der aktuellen Regierungsverantwortung.

Zwischen den Stühlen: Die Koalition im Jahr 2026


Diese strukturellen Schwächen prägen auch die aktuelle Koalition, zumal die CDU durch die Polarisierung der AfD selbst unter Druck gerät. Die SPD soll gleichzeitig soziale Interessen vertreten, wirtschaftliche Verantwortung übernehmen, politische Stabilität garantieren, sich gegen die AfD positionieren und eine Migrationspolitik mittragen, die in der Partei selbst strittig ist. Dies ist ein schmaler Grat, auf dem jede Fehlentscheidung als „Profilverlust“ oder „Unfähigkeit“ gelesen wird.

Die Frage nach Lars Klingbeils Doppelrolle als SPD-Co-Vorsitzender und Finanzminister ist beispielhaft für ein tiefer liegendes Organisationsproblem. Die Partei hat Schwierigkeiten, klare Rollen zu definieren und Führungspersönlichkeiten langfristig zu profilieren. In der Praxis entsteht dadurch ein doppelter Druck: Die Öffentlichkeit misst einzelne Führungspersonen am Erfolg der gesamten Partei, während intern Ressourcen nicht optimal gebündelt werden, wenn Spitzenpersonal auf mehreren Ebenen gleichzeitig arbeitet. Das führt zu einer Abwärtsspirale: Historisch schwache Ergebnisse wie die 5,5 Prozent in Baden-Württemberg wirken wie ein Symbol der Schwächung der einstigen Volkspartei – auch wenn grundlegende Faktoren wie demografischer Wandel, neue Wahlthemen und Polarisierung ebenso maßgeblich sind. Die SPD wird für Probleme zum Sündenbock, die das gesamte System betreffen.

Die SPD leidet nicht nur unter eigenen Fehlern, sondern auch unter den  Mechanismen des polarisierten Parteiensystems. Die Partei kämpft nicht nur gegen die CDU, sondern gegen ein vielfältiges Parteienspektrum. Sie konkurriert mit den Grünen um fortschrittlich orientierte Wähler, mit der Linkspartei um Arbeitnehmerinteressen und verliert gegen die AfD in Ostdeutschland; dies ist auch ein systemisches Problem. 

Gegenüber jungen Wählerschichten und deren Themen hat die 
SPD Schwierigkeiten eine eigene führende Rolle zu entwickeln. Junge Wählerinnen und Wähler priorisieren Klimapolitik und Nachhaltigkeit, digitale Umwandlung und Tech-Fähigkeiten, globale Gerechtigkeit und Identitätsfragen. Die Grünen wirken hier glaubwürdiger, die CDU bei Wirtschaftsfragen vertrauenswürdiger. Die SPD wirkt oft wie die Partei des Dazwischen – und verliert dabei Sichtbarkeit. In Ostdeutschland und zunehmend auch in den alten Bundesländern gewinnt die AfD immer mehr frühere SPD-Wähler – nicht, weil die SPD zu links oder zu moderat wäre, sondern weil die AfD ein anderes, identitätspolitisch aufgeladenes Angebot macht: Abgrenzung, Sicherheit, radikalen Bruch. 

Damit verschiebt sich die Rolle der SPD grundlegend: Von der klassischen Volkspartei zu einer Vermittlerpartei unter schwierigen Bedingungen, die versucht, gesellschaftliche Spannungen zu entschärfen, ohne selbst die Stimmenmehrheit zu besitzen. 

Systemrelevanz trotz Schrumpfung: Eine neue Perspektive


Die entscheidende Frage sollte deshalb lauten, welche funktionale Rolle die SPD im heutigen Parteiensystem übernehmen kann. Das ist eine strategische Frage, die auf Systemstabilität abzielt. 

Trotz Schwäche bleibt die SPD für die Stabilisierung von Regierungskoalitionen unverzichtbar. Ohne sie wären viele Koalitionen instabil. Ihre Funktion als Vermittlerpartei zwischen sozialen Interessen und politischer Mitte ist für die Demokratie unverzichtbar.

Die Partei selbst befindet sich in einer schwierigen Zwischenposition. Sie ist weiterhin Teil der politischen Mitte, aber nicht mehr deren dominanter Akteur. Sie trägt Regierungsverantwortung, ohne damit automatisch Profil zu gewinnen. Sie bleibt anschlussfähig, verliert jedoch an Prägekraft. Diese Konstellation erschwert strategische Klarheit, weil jede zugespitzte Position das Risiko birgt, Anschlussfähigkeit zu verlieren, während moderierende Positionen Gefahr laufen, politisch unsichtbar zu bleiben.


Die zentrale Herausforderung liegt daher in einer erneuten Politisierung des eigenen Profils. Entscheidend wird sein, ob es der SPD gelingt, unter veränderten gesellschaftlichen Bedingungen wieder als gestaltende Kraft wahrgenommen zu werden. Das erfordert weniger programmatische Breite als vielmehr erkennbare Prioritäten, sichtbare Konfliktlinien und die Fähigkeit, politische Vorhaben tatsächlich durchzusetzen. Sie kann soziale Fragen in Steuer, Renten- und Wirtschaftspolitik einbringen, um Brüche zwischen unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen einzudämmen und verhindert damit, dass die Gesellschaft in unversöhnliche Lager zerfällt. 


Vor diesem Hintergrund sind auch die aktuellen programmatischen Impulse aus der Parteiführung zu sehen. Lars Klingbeil präsentierte kürzlich in seiner Rede vor der Bertelsmann-Stiftung seinen Plan für die Modernisierung Deutschlands und richtet hier den Fokus auf einen stärkeren investiven Staat, auf eine aktivere Industriepolitik und auf eine sozial abgefederte Transformation wirtschaftlicher Prozesse. 

Inhaltlich knüpft Klingbeil damit an den klassischen Markenkern sozialdemokratischer Politik an: Die Verbindung von ökonomischer Modernisierung, staatlicher Steuerungsfähigkeit und sozialem Ausgleich. 
Während die SPD auf Bundesebene schwächelt, zeigt sich ihre anhaltende Bedeutung auf einer anderen Ebene – der kommunalen.

Die unterschätzte Kraft: Die SPD in den Kommunen


Trotz Verluste bei Kommunalwahlen ist die SPD nach wie vor in vielen Städten und Gemeinden präsent – in Stadträten, im sozialen Engagement, als pragmatische Gestalterin. Dort zeigt sie, dass Politik vor Ort Wirkung haben kann: bezahlbarer Wohnraum, Bildung, Kultur, Unterstützung von Familien und Vereinen.
Diese lokale Verankerung ist in besonderem Maße bedeutsam, sie stiftet Vertrauen und Glaubwürdigkeit. Die SPD erfüllt auf lokaler Ebene eine zentrale Funktion der gesellschaftlichen Verbindung. Sie verbindet Bürgerinnen und Bürger mit Politik, macht Demokratie erlebbar und zeigt, dass politisches Handeln konkrete Verbesserungen bringen kann. Diese kommunale Stärke sollte ein Fundament sein, das die Partei nutzen könnte, um wieder mehr an Vertrauen zu gewinnen. 
Allerdings sollten sie sich in sehr viel stärkerem Maße für eine ausreichende finanzielle Ausstattung der Kommunen einsetzen. Gleichwohl: Wenn die SPD sich wieder auf ihre Stärke in den Gemeinden und Städten konzentriert, könnte sie dort zeigen, dass sie noch immer eine Partei ist, die für Menschen etwas erreichen kann.

Das Paradoxon einer modernen Vermittlerpartei


Es sei dahingestellt, ob die SPD unter den aktuellen Bedingungen wieder zu alter Stärke finden kann. Die Entwicklung vieler linker Parteien in Europa lässt daran Zweifel aufkommen: Die Zeitschrift für internationale Politik und Gesellschaft (IPG) führt hierzu aus, dass die rechtspopulistischen Parteien schon jetzt in Europa die stärkste Parteienfamilie sind und die Mitte-links Parteien einen beispielslosen Niedergang erleben. Aber: Die Sozialdemokratie erfüllt nach wie vor eine unverzichtbare strukturelle Funktion im politischen System, deren Aufgabe darin besteht, unterschiedliche gesellschaftliche Interessen zusammenzuführen, Reformen abzufedern und zu erklären, und politische Stabilität zu sichern.

Die künftig entscheidende Frage lautet daher nicht, ob die SPD „überlebt“, sondern: Wie definiert sie ihre Rolle als Bindeglied zwischen Staat, Wirtschaft und Gesellschaft neu? Wie kann sie in einem fragmentierten System zusammenhängend bleiben, neue Themen mit klassischen Werten verbinden, an Wählern festhalten, die von der AfD und Grünen gleichermaßen angezogen werden, und ihre Kernfunktion in einer polarisierten Welt erfüllen? Und wie nutzt sie ihre Stärke in den Kommunen, um wieder nationale Glaubwürdigkeit aufzubauen?

Das Ende eines alten Narrativs


Am Ende bleibt eine Erkenntnis, die Rudi Carell schon 1975 unbewusst formulierte: Man kann einer Partei symbolisch „die Schuld“ geben – am Wetter, am wirtschaftlichen Auf und Ab oder am politischen Durcheinander. Doch die Realität ist komplexer. Politische Zusammenarbeit ist nie die Schuld einzelner Akteure, sondern ein Prozess, der Grundlagen, Strategie und gesellschaftliche Umwandlung gleichzeitig erfordert. Ein stabiles, fragmentiertes Parteiensystem braucht Vermittlerparteien. Die SPD könnte in dieser Rolle aufgehen – wenn sie ihre Funktion neu definiert, statt sich in nationalen Wahlergebnissen zu verlieren.

Vielleicht sollte die Frage also nicht lauten: „Wer ist schuld an der politischen Krise?“ Sondern: „Welche Rolle wollen wir von der SPD in unserer Demokratie? Und wo können wir sie schon heute erleben?“ Die Antwort auf diese Fragen wird über die Zukunft der Partei entscheiden. 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Zurück nach oben