Von Faber & Schleicher zu Manroland Sheetfed – Niedergang einer Maschinenbau-Ikone
Der Offenbacher Druckmaschinenhersteller Manroland Sheetfed hat ein Schutzschirmverfahren eingeleitet. Das Traditionsunternehmen reagierte damit auf massive wirtschaftliche Einbrüche und die strukturellen Verwerfungen in der Druckindustrie. Besonders schmerzlich ist der Einbruch des China-Geschäfts, das einmal für 40 Prozent des Absatzes verantwortlich war. Außerdem ist der Mutterkonzern Langley Holdings nicht mehr bereit, Defizite durch Quersubventionierung auszugleichen. Letztlich sei die Misere aber auch Folge einer Reihe von Fehlentscheidungen der Unternehmensführung, sagt Helge Herget, der zuletzt jahrelang Leiter der Gießerei beim Druckmaschinenhersteller war.
Von Helge Herget
Die 1871 in Offenbach gegründete Firma Faber & Schleicher war einer der ältesten und zugleich international renommierten Druckmaschinenhersteller der Welt. Die Maschinen Marke Roland waren begehrt. Die „Verkäufer“ fuhren zu den Druckereien und prüften, ob diese würdig genug waren, eine Maschine aus Offenbach zu erhalten. Und dann betrug die Lieferzeit zwei bis drei Jahre! Das waren goldene Zeiten! Es gab Werkswohnungen, ein Erholungsheim für die Mitarbeiter und Sonderzahlungen. Wer bei „Faber“ arbeitete, brauchte bei einer Wohnungssuche keinen Gehaltsnachweis. Zwei bis drei Familiengenerationen arbeiteten dort zusammen und eine Stelle bekam man nur, wenn man dort Verwandte hatte und in die Gewerkschaft eintrat. Das war gesetzt. Das Unternehmen wurde 1871 gegründet und ist damit einer der ältesten Druckmaschinenhersteller der Welt.
1973 kam die Stahlkrise und damit die erste große Krise für Faber & Schleicher, denn der Absatz ging zurück. Deshalb sah man sich nach neuen Geschäftsfeldern um. Bisher hatte man nur Bogenmaschinen für den Lithodruck produziert. Die Konkurrenz bot jedoch auch Rollenmaschinen an, beispielsweise für den Zeitungsdruck. Also konstruierte man auch eine solche und fand schnell einen Abnehmer in unmittelbarer Nähe: den Bintz-Verlag mit der Tageszeitung Offenbach-Post. Wegen der vielschichtigen Probleme mit dem Prototyp ging dieser dann zwar nicht in Serie. Gleichwohl war ein neuer Anbieter auf dem Markt der Rollenmaschinenhersteller, der sogleich von einem der großen Wettbewerber, MAN in Augsburg, aufgekauft wurde. Aus der Firma Faber & Schleicher wurde der Großkonzern MAN Roland. Das hatte Einfluss auf die Entscheidungsstruktur, die nun umfangreicher und unflexibler wurde und schnelle Entscheidungen behinderte.
Championship verpasst
Druckmaschinen wurden immer schneller. Der Markt verlangte nach 5000, 7000 oder 10 000 bedruckten Papierbögen pro Stunde. Die Technik stieß an ihre Leistungsgrenzen. Bis dato konnte ein Druckwerk zwei Farben auf einmal drucken; es funktionierte mit fünf einzelnen Rollen. Für den Vierfarbdruck waren daher zwei Druckwerke hintereinander geschaltet. Allerdings war der Aufbau eines solchen Druckwerks komplizierter als der eines Ein-Farben-Druckwerks, das mit drei Rollen auskam. Vor allem war es langsamer. Wenn es auf die Geschwindigkeit des Drucks ankam, war es besser, vier Ein-Farben-Druckwerke hintereinander zu schalten als zwei Zwei-Farben-Druckwerke, auch wenn eine solche Maschine mehr Material und Teile benötigte und in der Herstellung größer und teurer war. Leider glaubte man viel zu lange, an den bisherigen Maschinen mit nur zwei Druckwerken festhalten zu müssen. Man dachte, eine Umstellung würde sich nicht rechnen. Ein fataler Irrtum! Während andere Hersteller vom Fünf-Zylinder-Prinzip weggingen und die Druckgeschwindigkeit erhöhten, verlor MAN Roland einen Auftrag nach dem anderen. Schließlich verabschiedeten sich auch die Offenbacher vom Fünf-Zylinder-Prinzip, hinkten der Konkurrenz dann aber in den Entwicklungen hinterher.

Der Konzern MAN war finanziell stark und kaufte einen Mitbewerber nach dem anderen auf, darunter so namhafte wie Miller, Mabeg, Plamag und weitere. Bedauerlicherweise gestaltete sich die Integration dieser Firmen in den Konzern jedoch nicht harmonisch und wirtschaftlich erfolgreich. Es gab aber auch positive Entwicklungen. Die ersten Digitaldruckmaschinen kamen von MAN Roland. Drei Stück wurden nach Saudi-Arabien verkauft. Der Vorstand entschied jedoch, dass der Digitaldruck dem Offsetdruck unterlegen sei und eine Sackgasse darstelle, und stellte das Digitaldruckprojekt ein. Das war eine fatale Fehlentscheidung, es hätte ein Industriechampion entstehen können.
Leider gab es noch eine ganze Reihe weiterer Fehlentscheidungen. Die Entwicklung weiterer Maschinen wurde auf den zukünftigen Bedarf an Papierformaten, also die Größe der Papierbögen, ausgerichtet. Dieser Bedarf wurde sogar wissenschaftlich untersucht und man kam 1995 zu dem Schluss, dass die Formate 4, 5 und 6 zukunftsträchtig seien. Alle anderen Projekte wurden eingestellt. Tatsächlich waren jedoch die Formate 6 und 7 gefragt, während 4, 5 Ladenhüter waren. Die Formate 7 und 8 konnten jedoch nicht geliefert werden, sodass man wieder dem Markt hinterher entwickelte. Erst 2003 konnte MAN Roland Druckmaschinen auch für die Formate 7 und 8 anbieten.
Ein weiteres Beispiel für Fehlentscheidungen ist das Kapitel Blechdruckmaschinen – ein lukrativer Markt. Im Jahr 2006 ging der Hersteller LTG Mailänder insolvent. Obwohl man bereits die Know-how-Träger der Firma angeworben und ein eigenes Modell im Angebot hatte, entschied man sich gegen einen eigenen Vertrieb und für eine Kooperation mit König und Bauer (K&B). Diese sollten die Roland-Blechdruckmaschinen mitverkaufen. Doch K&B verkaufte fast nur seine eigenen Maschinen. Wieder eine fatale Fehlentscheidung, zumal in der Gießerei von Roland bereits ein eigener Werkstoff für die hohe Belastung des Druckzylinders in einer Blechdruckmaschine entwickelt worden war. Mit dieser Erfindung hätte man den Markt für Blechdruckmaschinen komplett übernehmen können.
Als MAN noch ein DAX-Konzern war, hätte Heidelberger Druckmaschinen gerne den Rollenbereich übernommen. Doch MAN lehnte mehrmals ab. Dann kam es auf dem LKW-Sektor zwischen VW, Scania und MAN zu Übernahmeversuchen und Bietergefechten. Dabei war der Druckmaschinenbereich das fünfte Rad am Wagen. Also wurde er von MAN an den Hedgefonds Allianz Capital Partners verkauft. Der neue Name lautete nun manroland. Euphorisch wurde ein Börsengang vorbereitet. Die Begeisterung des Vorstands für diese Kapitalmaßnahme erklärt sich dadurch, dass fünf Prozent der Aktien als Gratifikation beim Börsengang an den Vorstand verteilt werden sollten. Doch die guten Jahre waren vorbei. Es gab zu viele Fehlentscheidungen. Der Börsengang musste abgesagt werden. Stattdessen wurden 200 Millionen Euro nachgeschossen, was die erste Insolvenz 2011 nicht verhindern konnte.
Das Rennen um die Übernahme der Firma machte die Langley Holding, ein in Familienbesitz befindlicher, weltweit operierender, mehrspartig aufgestellter Engineering- und Industriekonzern. Der punktete beim Insolvenzverwalter mit seiner Haltung „Gekauft wie gesehen, ich nehme alles!“ Damit trug der Insolvenzverwalter kein Risiko. Der Kaufvertrag umfasste keine 150 Seiten mit komplexen Bedingungen und undurchschaubaren Regelungen, sondern war schlicht und klar.
Die Übernahme durch Langley war ein großes Glück für manroland, das in Manroland Sheetfed umbenannt wurde. Es wurden nun wirtschaftlich vernünftige Entscheidungen getroffen. Ein Spruch, den die Führungskräfte oft zu hören bekamen, war: „Ihr bekommt kein Geld von mir, ihr müsst euch das Geld selbst verdienen.“ Das wurde auch so umgesetzt.
Gussrahmen für Flügel
Nun hat sich der Markt innerhalb von 15 Jahren radikal gewandelt, für die Offenbacher waren die Veränderungen zu schnell und zu heftig: Die Nachfrage nach Druckmaschinen ist drastisch gesunken und es gibt ein Überangebot. Ein weiterer Klotz am Bein ist die extrem hohe Fertigungstiefe. Vom Gussteil bis zur Elektronik wird alles im eigenen Haus gefertigt. Das ist bei einer Druckmaschine auch wichtig, aber eine Gießerei mit einer Kapazität für 20.000 Jahrestonnen lässt sich nicht einfach auf 2.000 Jahrestonnen herunterfahren. Und so ist das mit allen Kapazitäten. So kam es in 2026 zur zweiten Insolvenz.
Der Insolvenzverwalter hat eine schwere Aufgabe. Es ist übrigens der gleiche wie letztes Mal. Nur hat er aktuell wenig anzubieten. Grundstücke und Gebäude sind nicht Insolvenzmasse. Trotzdem gibt es genug Interessenten. Unter anderem das Ersatzteilgeschäft ist lukrativ. Heidelberger verbaut Roland-Maschinen im Großformat und verkauft sie als eigene. Dort hat man das Geschäft schon aufgegeben, zumindest was die Eigenfertigung betrifft. Es wird schwer, in Offenbach die Eigenständigkeit zu bewahren. Noch gibt es Hoffnung, dass es klappt.
Übrigens: In Rechenzentren sind Gussteile von Manroland Sheetfed für die Notstromversorgung verbaut, eine Werkstoffentwicklung aus der Offenbacher Gießerei. Wer in einem Konzert einem Klavierflügel lauscht, sollte wissen, dass in ihm wahrscheinlich ein Gussrahmen aus dem Hause Manroland Sheetfed verbaut ist. Auch Daniel Barenboim vertraut auf Guss von Roland: Die Rahmen von drei speziell für ihn angefertigten Konzertflügeln wurden in Offenbach gegossen. Wenn die Gießerei schließen würde, wären alle Klavier- und Flügelhersteller in Europa – von Maene in Belgien bis Fazioli in Italien – schwer getroffen. Vor Kurzem wollte Steinway & Sons in Hamburg noch 1.000 Flügelrahmen bestellen. Da blutet mir das Herz.

Der Autor: Helge Herget absolvierte eine Lehre als Modelltischler bei Faber & Schleicher. Anschließend studierte er Gießerei- und Werkstofftechnik. Danach kehrte er zu MAN-Roland zurück, um in der Gießerei zu arbeiten, zuletzt als deren Leiter.

Danke Helge Herget! Wie bei vielen pleitegehenden Unternehmen mit langer Industriegeschichte sind massive Managementfehler die Ursache für die Insolvenz. Dies gilt nun auch für Manroland Sheetfed und seine Mitarbeiter:innen in Offenbach. In der momentanen Wirtschaftslage ist das schon fast tragisch für den Standort Deutschland im Kontext der globalen Konkurrenz.