Im Alltag liegt die Wahrheit

– „Lifestyle-Teilzeit“ ist ein politisch aufgeladener Begriff –

Die CDU beziehungsweise ihre Wirtschaftsvereinigung möchte das Recht auf Teilzeit einschränken – und hat sich damit selbst und der gesamten Partei keinen Gefallen getan. Derlei Forderungen haben Tradition: Immer wieder wird versucht, für wirtschaftliche Flauten und politischen Stillstand Schuldige zu benennen. Nachdem lange die Bürokratie als Wachstumsbremse galt, geraten nun Menschen ins Visier, die „zu wenig arbeiten“ – allen voran Teilzeitbeschäftigte.

Seit dem Start der Großen Koalition sollten Bürokratieabbau, Abschaffung des Lieferkettengesetzes, Steuererleichterungen und ein niedrigerer Industriestrompreis die Wirtschaft ankurbeln. Plötzlich werden Teilzeitbeschäftigte zum Hauptproblem des ausbleibenden Aufschwungs erklärt. Doch erhöht mehr Vollzeitarbeit tatsächlich die Produktivität?

Zahlen und Realität

Laut Mikrozensus 2024 arbeiten 30,6 Prozent aller Erwerbstätigen in Deutschland in Teilzeit, darunter 49,5 Prozent der Frauen. Ein großer Teil begründet dies mit familiären Betreuungsaufgaben oder der Pflege von Angehörigen; weitere mit gesundheitlichen Einschränkungen. Gleichzeitig zeigen Studien, dass Teilzeitkräfte gemessen an ihrer Arbeitszeit besonders produktiv sind.

Gerade in Mangelberufen wie der Pflege wird der Wunsch nach Vollzeit oft nicht erfüllt. Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen umgehen Überstundenregelungen, indem sie Beschäftigte bewusst mit geringeren Stunden anstellen, um sie bei Bedarf flexibel aufstocken zu können. Viele springen ein – weil sie auf das Einkommen angewiesen sind oder zusätzlich einen Minijob haben.

In vielen Branchen ist Teilzeit eine Reaktion auf Überlastung: Arbeitsverdichtung, Schichtdienst, fehlende Planbarkeit und schlechte Bezahlung führen dazu, dass Beschäftigte ihre Stunden reduzieren. In der Pflege wollen vier von zehn Beschäftigten unter 30 Stunden arbeiten. Wer mehr Leistung fordert, muss Arbeitsbedingungen schaffen, die Vollzeit überhaupt gesund möglich machen.

Politische Verantwortung

Die CDU täte gut daran, genauer zu definieren, wen sie meint, wenn sie von „anlassloser Teilzeit“ spricht. Denn der Staat selbst setzt durch seine Gesetzgebung starke Anreize für Teilzeit – etwa durch das Ehegattensplitting, das das Modell der Hausfrauenehe begünstigt. Frauen, die mehr arbeiten wollen, wurden lange als „Rabenmütter“ stigmatisiert. Gleichzeitig hängt der Bildungserfolg von Kindern in Deutschland stark vom Elternhaus ab – und das soll offenbar so bleiben. Das Elternhaus ist heute bei der schulischen Begleitung seiner Kinder gefordert wie nie, denn Engagement als Lernbegleiter bei Hausaufgaben oder der Vorbereitung für Tests und Klassenarbeiten wird selbstverständlich vorausgesetzt. 

Familien mit klassischem Rollenmodell stehen steuerlich besser da als Alleinerziehende oder zwei vollzeitbeschäftigte Eltern. Der Halbtageskinderarten ist vielerorts noch immer Standard. Jede dritte Familie leidet unter mangelnder Kinderbetreuung am Nachmittag und fehlenden Ganztagsschulen. Solange diese Mängel fortbestehen werden viele Mütter Teilzeit arbeiten – sofern sie es sich leisten können. Wer mit einem Minijob gut fährt, wird kaum aufstocken. 

Historische Entwicklung

Teilzeitstellen wurden einst von Gewerkschaften und der Frauenbewegung erkämpft, um Frauen trotz Kindern im Beruf zu halten. Doch wer nach der Geburt reduzierte, verlor oft Aufstiegschancen und hatte kein Recht auf Rückkehr in Vollzeit. Bis 2001 konnten Arbeitgeber Teilzeitwünsche problemlos ablehnen. Viele Frauen mussten kündigen und später mühsam neu einsteigen. Aber dieses Recht auf Teilzeit hat nach dem Paradigma der Hausfrauenehe die Frauenbeschäftigung enorm erhöht. Am Ehegattensplitting, das die Haupt- und Nebenbeschäftigung in der Ehe bevorzugt, will aber ausgerechnet die CDU festhalten. 

Wer sind die angeblichen „Lifestyle-Teilzeiter*innen“? Die CDU-nahe Wirtschaft spricht von Menschen, die „aus Bequemlichkeit“ weniger arbeiten. Doch wer könnte gemeint sein?

  • Menschen mit Ehrenämtern oder politischem Engagement?
  • Menschen mit begrenztem materiellen Anspruch, die Zeit höher bewerten? 
  • Menschen mit gesundheitlichen Einschränkungen?
  • Menschen, die sich von einer Vollzeitstelle überfordert fühlen?
  • Menschen, die einer Tätigkeit nachgehen, die wenig Sinn stiftet?

  

Gesellschaftlicher Wandel

Und was ist mit den jungen Menschen – den Berufseinsteigern – der Generation Zukunft?  Für sie ist Arbeit nicht mehr der zentrale Lebensinhalt. Sie empfinden:  Unsicherheit statt Wohlstandsversprechen. Wer „mehr Bock auf Arbeit“ will, wie Arbeitgebervertreter Steffen Kampeter fordert, muss Perspektiven und Sicherheit bieten. Stattdessen wird der Schwarze Peter zwischen Staat und Arbeitgebern hin- und hergeschoben. Arbeitgeber könnten jederzeit bessere Angebote machen. Früher gab es Betriebskindergärten, Ferienspiele, gemeinsame Aktivitäten – heute ist vieles davon verschwunden.

Junge Menschen wachsen mit widersprüchlichen Botschaften auf: Einerseits werden dringend Arbeitskräfte gebraucht, andererseits erleben sie Abschiebungen trotz Ausbildungs- oder Arbeitsverträgen. Sie sehen, wie Industrien schwächeln und Arbeitsplätze unsicher werden. Gleichzeitig heißt es, die Sozialkassen seien überlastet und Leistungen würden sinken – unabhängig davon, wie viel man arbeitet. Das verwirrt und demotiviert. Die Arbeit der Zukunft findet online statt. Nicht Nine to Five, sondern irgendwo auf der Welt, irgendwann. Als Influencer oder Netzwerker oder einer Nischenselbstständigkeit. Aufstieg und Konkurrenz ist Old School.

Neuer Wohlstandsbegriff

Philosophen wie Richard David Precht beobachten einen Mentalitätswandel: Mehr arbeiten – wofür? Wenn Aufstiegschancen sinken, Renten unsicher sind und technologischer Fortschritt Produktivität ersetzt, definieren Menschen Wohlstand neu: Zeit, Sinn, Gesundheit und Natur erzeugen die neue Lebensqualität. Vollzeit passt für viele nicht mehr zu diesem Lebenskonzept. Zudem lohnt sie sich finanziell oft kaum: Zwei Vollzeitbeschäftigte mit Kindern haben hohe Belastungen, zusätzliche Betreuungskosten und wenig Netto vom Brutto.

Staat und Unternehmen haben es in der Hand, Arbeitsmarktpolitik und Arbeitsbedingungen so zu gestalten, dass Menschen die gewünschte Arbeitszeit leisten können. Sie wissen aber nicht wie, weil sie an einem überkommenen Arbeitsbegriff festhalten. Teilzeitkräften Faulheit zu unterstellen, solange man selbst die Hausaufgaben nicht gemacht hat, wird sicher keinen Motivationsschub erzeugen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Zurück nach oben