Irgendwo im Nirgendwo

Das 49-Euro-Ticket ist im Alltags-Stresstest durchgefallen

Die nächste Revolution in Deutschland beginnt an der Bahnsteigkante. In Sinzig und Siegen, in Neuwied oder Niederwalgern: Ein Aufstand ohne Bahnsteigkarte. Dafür sind die Rebellen mit dem QR-Code für ihr 49-Euro-Ticket bewaffnet. Die ganz Alten erinnern sich noch: Wenn die Familie pünktlich um 15 Uhr bei Oma zum Geburtstagskuchen sein wollte, entschied Vater: Wir nehmen lieber die Bahn, auch wenn wir auf dem Weg von Darmstadt nach Offenbach für Bus, Zug und Straßenbahn drei verschiedene Fahrscheine lösen müssen.

Sinzig bei Neuwied: Warten auf Gordot. Foto: Matthias Müller

Mit dem 49-Euro-Ticket hat man die Verkehrswende in der eigenen Hosentasche oder besser auf dem Smartphone. Spontan durch ganz Deutschland gondeln ohne den Automaten-Bachelor in der Schule des Lebens bestehen zu müssen: Bestellen, hineinsetzen und los. Sieben Tage die Woche, zwölf Monate im Jahr. In urbanen Räumen ein konkurrenzloses Angebot zwischen Großraumbüro, Veggie-Restaurant, Yogateppich und Opernbesuch. Fällt die Straßenbahn mal aus: In sieben Minuten kommt Ersatz. Manchmal rund um die Uhr. Und wenn die Linie nicht gerade samstags um drei Richtung Stadion rollt, gibt’s meist sogar einen freien Sitzplatz obendrauf. So manch Angehöriger der urbanen Elite spart mit der 49-Euro-Flat einen vierstelligen Betrag im Jahr gegenüber der altbackenen Monatskarte. Geld genug für zwei Extra-Trips übers Wochenende Richtung Malle. Klimaneutral. Genau.

Die Landeier dagegen leben seit der Einführung des Einheitstickets im Krisenmodus. Ebenfalls sieben Tage die Woche. Rund ums Jahr. Das 49-Euro-Ticket ist kein Bonbon für alle, die dort über die nächste Kreisstadt hinaus zur Arbeit müssen. Die sind ohne Auto chancenlos, wenn sie nach Dienstschluß im heimischen Weiler ankommen wollen, bevor sie morgens wieder für den Job aufbrechen müssen. Wer in der Provinz zum Arzt oder zum Einkaufen will, muss sich mit einem 120-Minuten-Takt begnügen, aus dem schnell vier Stunden werden, wenn ein Zug oder Bus gestrichen wird.

Und gestrichen wird zurzeit häufig. Niedersachsen und Schleswig-Holstein kürzen ihre Zugbestellungen deutlich. Begründung Geldmangel – auch wegen des Flat-Fahrscheins. Andere Bundesländer wollen folgen. Personalmangel zwingt private Bahnunternehmen jede zweite Verbindung ausfallen zu lassen. Damit Verspätungen nicht zu neuen Verspätungen in der Gegenrichtung führen, werden die Züge an kleinen Stationen irgendwo im Nirgendwo angehalten, um vorzeitig umzukehren. Stationen, die seit Mehdorn ohne Personal, Lautsprecher oder Fahrplan Aushang vegetieren. Alle Fahrgäste müssen aussteigen und werden auf die nächste Regionalbahn in dreißig Minuten verwiesen. Ein Triebwagen, der dann völlig überfüllt eine Stunde später einläuft und die Hälfte der Wartenden zurücklassen muss. So erreichte vier Wochen lang der Regionalexpress, der Wesel mit Koblenz alle Stunde verbindet, nicht ein einziges Mal seine Endpunkte. Verzweifelte Pendler versus Großstädter, die ihren Billigfahrschein massenhaft zum Museumstrip nach Köln oder zur Trinkkur an die Mosel nutzen, ein Tandem-Lastenfahrrad für das halbe Radabteil inklusive. Auf der dicht befahrenen Rheinstrecke sorgen dazu ICE-Überholungen, ausgebaute Weichen und Gleise, heimkehrende Radlerkolonnen und Tagesausflügler permanent für Frust bei den Pendlern auf dem Land. 

Kreativ kaschiertes Unvermögen


Um Verspätungen zu kaschieren, geht die Bahn neue und kreative Wege. Im Internet und an den Anzeigetafeln werden, solange das Signal am Abfahrtsort noch auf „rot“ steht, virtuelle Fahrverläufe simuliert und auf dieser Basis Ankunftszeiten prognostiziert. Da kann es passieren, dass ein Zug mit fünf Minuten Verspätung angekündigt noch fünfzig Kilometer entfernt auf seine Abfahrt wartet. Satire? Nein, das können sich selbst Dieter Nuhr, die Autoren der „heute show“ oder Urban Priol nicht ausdenken. Es ist der Grund, dass auf den Anzeigetafeln moderate Verspätungen plötzlich exponentiell explodieren, um Momente später ins Nirwana abzutauchen.

Sie mussten draußen bleiben. Foto: Matthias Müller


Zwischen Wesel und Koblenz muss meist in Sinzig umgestiegen werden. Ein Provinzbahnhof, der keinen Stolperer verzeiht, wenn sich zu jeder Stunde 1.000 Fahrgäste durch eine enge Unterführung ohne Aufzug auf den schmalen Bahnsteig neben Gleis 1 drängen, Zentimeter von durcheilenden Güterzügen entfernt. Mit dem 49-Euro-Ticket implodierte in vielen Regionen Deutschlands der Regionalverkehr. Ähnliche Zustände sind auf vielen Strecken in Nordrheinwestfalen, aber auch in Hessen Alltag.

Das 49-Euro-Ticket verspricht fast unbegrenzte Mobilität. Fahrgastverbände feiern den Fixpreis für die Nutzung von Bus und Bahn als Meilenstein. Spätestens seit den 1980er Jahren forderten Umweltorganisationen einen einheitlichen Fahrschein für ganz Deutschland. Nur so sei eine nachhaltige Klimawende möglich, heißt es.

Bahn als Symbol für kaputten Staat

Wie so oft in den vergangenen drei Jahren: Der große Wurf für ein visionäres und richtiges Vorhaben der Bundesregierung krepiert im Rohr. Es ist durchgefallen im Stresstest der täglichen Alltagsroutine, weil reale Randbedingungen ausgeblendet werden. In den völlig überfüllten Zügen beim endlosen Warten in den Stationen von irgendwelchen Provinznestern ist die Empörung unüberhörbar. Die Betroffenen sehen die Bahn als ein Symbol für einen kaputten Staat, in dem selbst die Stabilitätsanker, auf denen das Land einst aufbaute, nicht mehr taugen. Das mag ungerecht sein. Nicht für die Deutsche Bahn. Aber zum politischen Handwerk gehört auch, der Rückenwind darf nicht von vorne blasen, zumal für eine Ampelregierung, die mit dem Einheitsticket ein Symbol für die Klimawende im Portemonnaie schaffen wollte.

Freilich: die Ursachen für den Misserfolg liegen auch in der Vergangenheit. Ein Bahnvorstand, der seine Boni mit dem Kaputtsparen des eigenen Unternehmens verdiente. Ins Gnadenbrot des Verkehrsministeriums abgeschobene Politiker ließen die Bosse ebenso gewähren wie ein Alexander Dobrindt oder der Maut-Scheuer Andy. Die junge Garde der CSU, wenig erfahren in der Organisation von Bus und Bahn, aber dafür gestählt auf zahllosen Aschermittwoch-Bühnen im bierseligen Passau wirkte überfordert. Passau nebenbei: Dort strandeten frühmorgens übrigens zahllose Österreicher, die das EM-Spiel ihres Teams in Düsseldorf besuchen wollten. Sie wählten für die Fahrt den Europameisterschafts-Sponsor „Deutsche Bahn“, der vergaß Busse zu bestellen, weil ein Streckenabschnitt wegen Bauarbeiten gesperrt war.


„Irgendwann muss die Politik entscheiden, ob wir eher in die Schiene investieren wollen oder der Preis von 49 Euro bleiben soll“. Man mag sich bei Christian Lindner ein Lob kaum trauen: Aber der zitierte Satz regt zum Nachdenken an. Freilich: Mit „nur“ je 1,5 Milliarden Euro subventionieren Bund und Länder das Ticket jährlich. Im schlimmsten Fall reichen die Einsparungen gerade dafür, die nächste Mehrkostenrate für Stuttgart 21 zu finanzieren, keinesfalls aber, um den Investitionsbedarf der Bahn von 50 Milliarden Euro plus in den nächsten zehn Jahren auch nur annähernd zu decken. Und nur mit Investitionen in einer solchen Dimension wird es möglich, in Deutschland ein 49-Euro-Ticket einzuführen, das beim Publikum nicht durchfällt.


Bahnfahren heute

Unser Autor Matthias Müller, ehemaliger Pressesprecher der Stadt Offenbach, gilt als Bahnfan und -kenner. Die meisten seiner Wege legt er mit öffentlichen Verkehrsmitteln zurück. In seinem Leben ist er auf allen Kontinenten schon Bahn gefahren. In den USA vom Sonnenaufgang im Osten bis zum Sunset am Pazifik. Von Portugal bis Singapur quer durch Eurasien. „In Deutschland mit vier Stunden Verspätung losgefahren in Hanoi nach 25 mal umsteigen fünf Minuten zu früh angekommen“.

Natürlich abonnierte Matthias Müller zur Bahncard sofort den 49-Euro-Flat Gutschein. „Als das Ticket eingeführt wurde, war ich als notorischer Bahnfahrer begeistert. Ein Ticket für ganz Deutschland. Super. Lohnt sich für mich richtig im Zentrum Rhein-Main. Wenn eine S-Bahn ausfällt, ist die nächste nicht weit“. Freilich seine Erfahrungen in der Provinz sind ernüchternd: „Die Menschen vom Land sind die Verlierer der Bonus-Aktion“. Exorbitante Verspätungen, überfüllte Züge. Viele Verbindungen werden gestrichen, um das Ticket zu finanzieren. 

In den folgenden Texten verarbeitet Matthias Müller eigene Erfahrungen auf Zugreisen in den vergangenen Monaten: „Irgendwie habe ich das Gefühl, die Bahn hat sich aufgegeben. Es mag 1.000 gute Gründe für Verspätungen während der Umbauphase geben. Aber man muss doch wenigstens die Information darüber sicherstellen“.

Aus der Praxis für die Praxis; Vier Wochen im Juni (Dieser Beitrag wurde im Eisenbahn-Forum von Drehscheibe-online über 17.000mal aufgerufen. Normalfrequenz ca 2.000 bis 5.000 Klicks)

Hanau - Fulda. Sonntagmorgen, Mitte Juni: Um 10.30 Uhr muss ich in Fulda sein. Gedenken zum 100 Geburtstag meiner Mutter. Ein Fall für das 49-Euro-Ticket. Zwei Züge im Abstand von fünf Minuten zur Auswahl. Handy und Anzeigetafel signalisieren, dass der Schnellere circa 10 Minuten Verspätung hat aber früher am Ziel ist. Also den Langsameren passieren lassen, zumal laut Anzeige, Ansage und im Internet die Verspätung auf fünf Minuten geschrumpft ist. Irrtum. Kaum ist der langsamere Zug abgefahren, explodiert die Verspätung bei seinem Nachfolger im 5 Minuten Takt auf mehr als 50 Minuten. Trotz der Anzeige, der Zug sei in fünf Minuten in Hanau, war er in Frankfurt überhaupt noch nicht abgefahren. Einziger Ausweg: Automat, ICE Fahrschein lösen.

Einige Wochen zuvor: Tagesausflug  nach Pirmasens. War ich noch nie. Mal sehen wie die da leben. Werktags in Rheinhessen. Sollten die Anschlüsse klappen. Bis Bad Dürkheim bin ich gekommen. Jeder RE / RB hatte zwischen fünf und zehn Minuten Verspätung, da war der Anschluß weg. Eine Stunde warten. Nächster Zug gleiches Spiel. 

Ende Mai: Treffen mit Ex Kollegen in Neuss. Bis Koblenz eine völlig überfüllte Regionalbahn, weil die Hälfte der Waggons in Mainz planmäßig abgehängt wurden. In Koblenz kein Anschluss, da der Zug Richtung Köln wegen Verspätung vorzeitig wendet. Nächster Zug nach Neuwied. Dort soll laut Anzeige eine Regionalbahn Richtung Köln fahren. Denkste. In Neuwied warten einige hundert Menschen auf einem schmalen Bahnsteig (Bauarbeiten) vergeblich auf die Wagen, die laut Anzeige in fünf Minuten kommen sollte. 50 lange Minuten bis klar wird - auch der ist vorzeitig umgekehrt und hat es nicht bis Neuwied geschafft. Wieder keine Durchsage! Das Internet hat wegen der widersprüchlichen Meldungen der Bahn längst resigniert und scheint verwirrter als Joe Biden beim Kandidaten-Duell. Der Triebwagen der die Fahrgäste schließlich mitnimmt, ist hoffnungslos überfüllt. Ganze Schulklassen auf Ausflug müssen zurückbleiben. 

Letzter Donnerstag. Beerdigung in Mülheim an der Ruhr. Hin mit dem ICE. Abfahrt kurz nach 8 Uhr in Frankfurt. Man ist ja schon gewitzt. Um kurz nach sechs Blick ins Internet. ICE wegen technischen Defekts mit neun Minuten Verspätung. Technischer Defekt klingt aber nach mehr. Also eine Stunde früher nach Frankfurt. Dort ist die Verspätung auf 20 Minuten angewachsen. Der eine ICE früher - der Schaffner lässt sich wegen Zugbindung überreden - fährt mit neun Minuten Verspätung ab. In Duisburg sind wir dann fast eine Stunde später. Mein gebuchter Zug, so werde ich per mail informiert, hinkt mittlerweile über eine Stunde hinterher. 

Rückfahrt. Der Supergau. Die Verbindung nach Duisburg ist gestrichen, aber zum Glück fahren die Züge zwischen Großstädten öfter. In Duisburg soll der RE Richtung Koblenz 15 Minuten Verspätung haben. Es werden 45. Keine Ansage. Die Verspätung wächst auf über eine Stunde. Vorzeitiges Wenden ist angesagt. In Sinzig. Aber hier passt der Zug gar nicht auf die Bahnsteige, die hat man vor einiger Zeit abgebaut. Die Passagiere der letzten drei Wagen müssen sich durch den Gang nach vorne durchkämpfen. Durchsage, Fahrplanaushänge: Fehlanzeige. Etwa 1.000 Leute steigen aus, quetschen sich in eine schmale Unterführung. Gegenverkehr. Panik. Wer stürzt hat verloren.
Auf Gleis 1 Gedränge bis an die Bahnsteigkante. Güterzüge fahren nur Zentimeter an den Wartenden vorbei. Es regnet. Keine Überdachung. Der Ersatzzug Richtung Mainz hat statt der avisierten zehn jetzt mehr als 30 Minuten Verspätung. Pendler erzählen, das sei der Dauerzustand. Der Triebwagen, der kommt, ist bei der Einfahrt schon überfüllt. Man erzählt, in Remagen seien einige Wagen abgehängt worden. Viele Reisende müssen draußen bleiben. Unterwegs einsteigen. Unmöglich. Eine Stunde Verspätung in Mainz. Der Anschluss dort ist pünktlich, nur fährt er von einem anderen Gleis ab. Keine Durchsage bei Ankunft. Es wäre das Gleis gegenüber gewesen. Vielen Reisenden mit Koffern hätte man mit einer Durchsage viele Treppen ersparen können. 

2 Gedanken zu „Irgendwo im Nirgendwo

  1. Wenn ihr schon anbietet eure Beiträge zu teilen, sollte dies auch möglich sein. Leider kommt da immer der Fehler 503.

    Aber zum Beitrag. Matthias macht eine lange Reise durch den Gemüsegarten. Jeder Leser kennt am Ende seine Leidenschaft für die Bahn, leider aber nicht seine Meinung zum Deutschlandticket.

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