– Ein Rückblick auf die Kommunalwahl in Hessen: Stabilität an der Spitze – Verschiebungen im Detail –
Die Resultate der Kommunalwahl in Hessen zeichnen auf den ersten Blick ein von Kontinuität geprägtes politische Bild. Bei näherem Hinsehen offenbaren sie jedoch deutliche Verschiebungen. Während die CDU ihre Rolle als stärkste Kraft behauptet, verändert sich das Kräfteverhältnis in vielen Städten und Gemeinden spürbar: In Frankfurt und Wiesbaden gewinnt die CDU hinzu, während die Grünen gerade in ihren bisherigen Hochburgen teils deutlich verlieren. In Offenbach oder Hanau bleibt die SPD zwar stark, verliert aber an Vorsprung. Gleichzeitig legt die AfD in zahlreichen Kommunen – vor allem in Nordhessen – spürbar zu und rückt vielerorts auf Platz zwei oder drei vor. Ergo: Das Parteiensystem wird fragmentierter, politische Bindungen lockerer, lokale Dynamiken gewinnen an Bedeutung.
CDU dominiert – aber nicht unangefochten
Mit 29,7 Prozent der Stimmen geht die CDU erneut als stärkste Kraft aus den Kommunalwahlen hervor. Sie konnte damit ihr Ergebnis im Vergleich zu 2021 um 1,2 Prozentpunkte verbessern. Parteiintern wird dies als Zeichen politischer Stabilität gewertet – insbesondere vor dem Hintergrund bundespolitischer Unsicherheiten.
Auffällig ist, dass die CDU auch in großen Städten wie Frankfurt oder Wiesbaden Zugewinne erzielen und teilweise verlorene Gestaltungsmacht zurückgewinnen konnte. Das deutet darauf hin, dass klassische Themen wie Sicherheit – nicht ganz zufällig begleiteten der Hessische Ministerpräsident und sein Innenminister noch am Donnerstag vor der Wahl eine groß angelegte Razzia im Frankfurter Bahnhofsviertel – Ordnung und wirtschaftliche Stabilität für viele Wählerinnen und Wähler wieder stärker an Bedeutung gewonnen haben. Gleichzeitig zeigt sich jedoch: Die Dominanz der CDU ist weniger Ausdruck wachsender Bindungskraft als vielmehr Ergebnis eines insgesamt fragmentierten Parteiensystems.
SPD stabil – aber ohne Dynamik
Die SPDbleibt mit landesweit 20,2 Prozent der Stimmen zweitstärkste Kraft. Dieses Ergebnis wirkt auf den ersten Blick solide, bedeutet gegenüber 2021 jedoch erneut ein Minus von rund 3,8 Prozentpunkten. Bei genauerer Betrachtung steht dieses Resultat für einen Zustand, den man als stabile Stagnation – oder zugespitzt als stabile Erosion – beschreiben kann. Denn entscheidend ist nicht nur das Niveau, sondern die Dynamik: Die SPD verliert nicht dramatisch, gewinnt aber auch nicht hinzu. Vor allem gelingt es ihr kaum, neue Wählergruppen zu erschließen. In einem zunehmend fragmentierten politischen System ist genau das problematisch. Während andere Parteien zulegen oder neue Milieus ansprechen, verharrt die SPD weitgehend in ihrer bestehenden Wählerschaft. Das Ergebnis ist ein schleichender Bedeutungsverlust – nicht unbedingt in absoluten Zahlen, aber im relativen Einfluss.
Grüne verlieren – gerade in ihren Hochburgen
Besonders deutlich fallen die Verluste bei Bündnis 90/Die Grünen aus. Mit 14,4 Prozent verlieren sie etwa vier Prozentpunkte gegenüber 2021. Bemerkenswert ist vor allem, dass diese Einbußen ausgerechnet in den urbanen Zentren auftreten, die lange als Kernmilieus der Partei galten. In Städten wie Frankfurt, Wiesbaden, Kassel, Gießen, Hanau oder Offenbach am Main müssen die Grünen teils deutliche Verluste hinnehmen. Dahinter stehen vermutlich mehrere Faktoren: lokale Konflikte um Verkehrspolitik, steigende Mieten, Nutzungskonflikte im öffentlichen Raum – aber auch eine wachsende Ermüdung gegenüber ambitionierten klimapolitischen Transformationsprojekten im Alltag. Dass die Grünen gerade dort verlieren, wo sie traditionell stark waren, ist politisch besonders relevant. Es deutet auf eine Erosion ihrer urbanen Kernbasis hin.
AfD legt zu – mit klaren Grenzen
Zu den auffälligsten Entwicklungen gehört der Stimmenzuwachs der AfD. Im Vergleich zu 2021 konnte sie ihr Ergebnis von 6,9 Prozent auf rund 15,9 Prozent mehr als verdoppeln und sich damit als drittstärkste Kraft etablieren. In einzelnen Kommunen konnte sie ihre Ergebnisse deutlich steigern und ist nun häufig zweit- oder drittstärkste Kraft. Gleichzeitig zeigt sich eine wichtige Einschränkung: In keiner Kommune wurde die AfD stärkste Kraft. Ihr Erfolg bleibt damit ambivalent. Er signalisiert zwar wachsenden Protest und politische Unzufriedenheit, stößt jedoch weiterhin an klare Grenzen, wenn es um tatsächliche Mehrheitsfähigkeit auf kommunaler Ebene geht.
Lokale Themen bedeutender
Ein zentrales Merkmal dieser Wahl ist die starke regionale Differenzierung. Während in Großstädten weiterhin klassische Parteien dominieren, spielen in kleineren Gemeinden lokale Wählergemeinschaften eine zunehmend wichtige Rolle. In vielen kleineren Städten und Gemeinden kommen diese Wählergruppen im Trendergebnis teilweise auf mehr als 30 Prozent der Stimmen. Das liegt auch am hessischen Wahlsystem, das mit Kumulieren und Panaschieren individuelle Wahlentscheidungen über Parteigrenzen hinweg ermöglicht. Persönliche Bekanntheit, lokale Themen und konkrete Projekte wiegen dadurch oft schwerer als bundespolitische Trends.
Kommunalpolitik entkoppelt sich damit teilweise von der Bundes- und Landespolitik – ohne jedoch vollständig unabhängig von ihr zu sein. So resümierte die Politikwissenschaftlerin Prof. Dr. Dorothée de Nève in hessenschau.de: Die Kommunalwahl zeige, dass Brüssel, Berlin und Wiesbaden gefühlt weit weg seien und letztlich der Bezug zu lokalen Themen und der Kontakt zu den Kandidaten wichtiger sei.
Interesse – aber keine Mobilisierung
Die Wahlbeteiligung lag bei 54,4 Prozent und damit etwas höher als bei der letzten Kommunalwahl. Das deutet auf ein solides Interesse an kommunalpolitischen Fragen hin. Gleichzeitig bleibt festzuhalten, dass weiterhin ein erheblicher Teil der Bevölkerung nicht an Wahlen teilnimmt. Gerade auf kommunaler Ebene, wo politische Entscheidungen unmittelbare Auswirkungen auf den Alltag haben, bleibt dies eine zentrale Herausforderung für die demokratische Legitimation.
SPD: Stabilität als Risiko
Besonders aufschlussreich ist das Ergebnis für die SPD. Denn hinter der scheinbaren Stabilität verbirgt sich eine strukturelle Verschiebung. Die Partei bleibt in bestimmten Regionen weiterhin stark – etwa in größeren Städten, in industriell geprägten Gebieten oder in Teilen des Rhein-Main-Gebiets. Städte wie Offenbach oder Hanau zeigen, dass die SPD lokal nach wie vor dominieren kann – was allerdings auch mit der Popularität der dortigen Oberbürgermeister zusammenhängen dürfte. Demgegenüber stehen klare Schwächen: In ländlichen Räumen bleibt die SPD deutlich hinter der CDU zurück. Lediglich in klassischen Hochburgen wie den Landkreisen Kassel, Schwalm-Eder, Werra-Meißner oder dem Odenwaldkreis konnte sie sich noch behaupten. Insgesamt scheint es ihr jedoch nur begrenzt zu gelingen, neue Wählergruppen anzusprechen. Diese räumliche Asymmetrie erschwert es der SPD, flächendeckend Mehrheiten zu organisieren – eine zentrale Voraussetzung für politische Gestaltungsmacht.
Hinzu kommt ein wachsender strategischer Druck von zwei Seiten. Einerseits gewinnt die AfD insbesondere dort an Zustimmung, wo wirtschaftliche Unsicherheit und politische Entfremdung zunehmen. Sie spricht damit auch Wählergruppen an, wie beispielsweise in Nordhessen, die früher zumindest teilweise im Einflussbereich der SPD lagen. Und auch die Linken legten zu und erzielten landesweit ein Ergebnis von 5,8 Prozent, u.a. sogar zweistellige Ergebnisse in Gießen, Kassel, Offenbach und Marburg.
Gleichzeitig gelingt es der CDU, klassische Kompetenzfelder wie Sicherheit, wirtschaftliche Stabilität und Verwaltungsfähigkeit überzeugend zu besetzen. Die SPD gerät dadurch in eine schwierige Zwischenposition: Sie verliert an die Ränder und gewinnt in der Mitte nicht ausreichend hinzu. Auch die Verluste der Grünen helfen ihr kaum. Anders als früher führen schwächere Ergebnisse der Grünen nicht automatisch zu Zugewinnen der SPD. Wählerbewegungen verlaufen diffuser, politische Präferenzen differenzieren sich stärker aus. Im Kern verweist dies auf ein strategisches Problem der SPD: Die fehlende klare politische Positionierung. Zwar bleiben klassische sozialdemokratische Themen wie bezahlbarer Wohnraum, soziale Infrastruktur oder Bildung hoch relevant. Entscheidend ist jedoch die Wahrnehmung – und hier wirkt die SPD häufig eher reaktiv als gestaltend. Klare Prioritäten, erkennbare Konfliktlinien oder eine zugespitzte politische Erzählung fehlen oft.
Das Beispiel Frankfurt verdeutlicht dieses Problem: Trotz eines populären sozialdemokratischen Oberbürgermeisters und zentraler Zuständigkeiten etwa für Wohnen und Bildung konnte die SPD nicht überzeugen und landete erneut hinter CDU und Grünen auf Platz drei. Offensichtlich gelingt es ihr nicht ausreichend, ihre Kernthemen glaubwürdig mit der Lebensrealität vor Ort zu verknüpfen. Hohe Mieten und sanierungsbedürftige Schulen stehen im Kontrast zu politischen Versprechen – und untergraben deren Wirkung. So entsteht eine paradoxe Situation: Die Inhalte sind vorhanden, aber das politische Profil bleibt unscharf. Wähler nehmen keine konkrete Verbesserung wahr – und wenden sich ab.
Fragmentierung verändert das Wählerverhalten
Diese Entwicklung wird durch einen breiteren Trend verstärkt: die zunehmende Fragmentierung des Wählerverhaltens. Entscheidungen fallen heute situativer, weniger ideologisch gebunden und stärker an konkreten Themen oder Personen orientiert. Der Darmstädter Politikwissenschaftler Christian Stecker spricht deshalb in hessenschau.de von einer „Zersplitterung der kommunalen Parlamente“. Die Bindung an Parteien lasse nach, viele Menschen wählten zunehmend sprunghaft.
Für eine Partei wie die SPD, die historisch stark von stabilen sozialen Milieus und langfristiger Bindung profitiert hat, ist das eine grundlegende Herausforderung. Ihr traditionelles Modell politischer Integration trägt nur noch eingeschränkt.
Schleichender Wandel
Die Kommunalwahl 2026 in Hessen markiert keine politische Zäsur, wohl aber einen klaren Trend. Die großen Parteien bleiben relevant, verlieren jedoch an Bindungskraft. Kleinere Parteien und neue Kräfte gewinnen an Gewicht, ohne das System grundlegend zu dominieren.
Für die SPD liegt die eigentliche Herausforderung nicht in kurzfristigen Verlusten, sondern in der langfristigen Entwicklung. Sie verliert nicht abrupt, sondern schleichend. Sie bleibt sichtbar, aber weniger prägend. Genau darin liegt das Risiko.
Denn in einem sich wandelnden politischen System reicht Stabilität allein nicht mehr aus. Oder, um es mit Willy Brandt zu sagen: „Nichts kommt von selbst. Und nur wenig ist von Dauer. Darum – besinnt Euch auf Eure Kraft und darauf, dass jede Zeit eigene Antworten will und man auf ihrer Höhe zu sein hat, wenn Gutes bewirkt werden soll.“ Ohne klare Profilierung, ohne neue Wählergruppen und ohne strategische Neuausrichtung droht der Sozialdemokratie das, was diese Wahl bereits andeutet: nicht der plötzliche Absturz, sondern der langsame Bedeutungsverlust.Und genau das ist politisch oft die gefährlichste Form der Krise.

Die Analyse über die SPD ist immer die gleiche. Sie verliert, sie muss sich programmatisch neu ausrichten und neue Wählerschichten hinzugewinnen. Bei bestehenden verliert sie immer mehr.
Ohne Programm und ohne personelle Erneuerung besteht wenig Hoffnung, sondern es droht der Untergang