– Eine persönliche Abrechnung mit den Äußerungen des Bundeskanzlers –
Von Rosi Haus
Unser aktueller Bundeskanzler Friedrich Merz hat es sich bei seinen aktuellen Ansprachen scheinbar zum Hobby gemacht, das arbeitende Volk in Deutschland als Verhinderer einer Zukunft des Landes mit „Lifestyle-Teilzeit, Vier-Tage-Woche, Vorruhestand, und Work-Life-Balance“ zu beschimpfen. Nicht bisherige „ungesunde“ Export-Überschüsse von Deutschland auf dem Weltmarkt, eine auseinanderbrechende Weltordnung, internationale Zollpolitik, Kriege, Klimakrise u.v.m. scheinen die Themen für die „große Politik“ geworden zu sein. Vielmehr werden mit den Unterstellungen und Abwertungen die Menschen, die einer Teilzeitbeschäftigung nachgehen oder im Ruhestand sind, zu Verantwortlichen einer kriselnden Wirtschaft gemacht. Genau diese Personengruppen bekommen selbstverständlich auch weniger Geld für ihre Tätigkeiten, aber das scheint keine Rolle zu spielen. Diese Aussagen unseres Bundeskanzlers sind für mich eine ganze Menge elitärer, überheblicher und abwertender Aussagen, die die Lebensrealitäten von sehr vielen Menschen in unserem Land nichts zu tun haben.
Das statistische Bundesamt beschreibt: „Der Teilzeit-Boom in Deutschland setzt sich ungebremst fort. 29 Prozent aller Erwerbstätigen arbeiteten 2024 in Teilzeit“. Das klingt viel, insbesondere wenn die Lebensrealitäten von Menschen nicht in einen Zusammenhang gestellt werden. Um nicht dauernd über Menschen zu reden, möchte ich meine Lebensgeschichte erzählen: Ich bin 67 Jahre alt und wenn ich nicht auf Rentenanteile verzichtet hätte, dann wäre ich erst seit drei Monaten Rentnerin. Gesamt habe ich 45 Jahre meines Lebens Vollzeit gearbeitet, mein Studium und alle Weiterqualifikationen habe ich neben einer Vollzeitbeschäftigung absolviert und vorher eine Berufsausbildung gemacht, deren Ausbildungszeit bei meinen Rentenpunkten durch Gesetzesänderungen gestrichen wurden. Das bedeutet, dass ich mit meiner Lebensarbeitsleistung als ein stabiler Baustein der deutschen Wirtschaft angesehen werden könnte.
Leistung im Alter
Einen Renteneinzahlungs-Verzicht konnte ich mir leisten, weil ich keine hohe Miete im Ballungsraum bezahlen muss und weil ich in einem langen Teil meines Berufslebens in einem Beruf gearbeitet habe, mit dem ich mir gute Rentenpunkte ansparen konnte. Also nicht im Bewachungsgewebe, Einzelhandel, ÖPNV, Spedition, o.ä. Berufsfeldern, die sehr engagierte, professionelle Leistungen erbringen, aber nur einen kleinen Lohn dafür bekommen. Denn diese Berufsgruppen bekommen für ihren geringen Lohn, dann auch geringe Rentenpunkte im gesetzlichen Rentensystem, so dass sie bei einem früheren Ausstieg kaum mehr ihren Lebensunterhalt und Miete bezahlen könnten.
Aber ich mache mir auch nichts vor, wenn ich bis zum 67. Lebensjahr weiter Vollzeit gearbeitet hätte, dann hätte ich meine eigenen Leistungsanforderungen kaum mehr geschafft. Selbstverständlich: Ich bin auch im Alter noch hoch leistungsfähig. Ich verfüge über sehr viel Berufserfahrung und habe umfassende Qualifikationen vorzuweisen, aber ich brauche viel mehr Zeit zur Regeneration, bin viel schneller an meinen Grenzen und brauche viel länger zur Umsetzung von Veränderungen und Neuerungen, bin gesundheitlich anfälliger u.v.m. Insofern habe nicht nur ich von meiner freien Zeit profitiert, sondern auch mein Arbeitgeber, der meine Stelle mit einem jungen Menschen besetzen konnte und die Rentenkasse, die dadurch mein ganzes restliches Leben lang weniger Rente an mich auszahlen muss.

Wenn vom Statistischen Bundesamt festgestellt wird, dass fast jede zweite Frau (49 Prozent) ihre Arbeitszeit reduziert und bei Männern es nur 12 Prozent sind, dann lässt dies auch aufmerken. Aber auch diese Zahlen müssen in einen gesellschaftlichen Zusammenhang gestellt werden, zum Beispiel mit der Menge, Qualität, Erreichbarkeit und Betreuungszeiten von Erziehungs-, und Bildungseinrichtungen, mit Voraussetzungen für Gesundheits-, und Altersversorgung von Familien, mit Vernetzungen von Öffentlichen Verkehrsverkehrsmitteln u.v.m.
Das Ministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen, und Jugend beschreibt aus seinen Untersuchungen, dass Frauen pro Tag im Durchschnitt 43,4 Prozent mehr Zeit für unbezahlte Sorgearbeit aufwenden als Männer. Das bedeutet, dass es nach wie vor die Frauen sind, die sich vorrangig mit Kindererziehung, Pflege von Angehörigen, Hausarbeit und Ehrenamt verantwortlich fühlen. Solche Zahlen brauchen keine weiteren Erklärungen, sondern verdeutlichen, wohin die sogenannte „freie Zeit“ Zeit investiert wird.
Zusätzlich müssen auch die 15 Prozent unfreiwilligen Teilzeitbeschäftigten berücksichtigt werden. (Untersuchungen des Sozialberichts 2013 der Bundeszentrale für politische Bildung, BPB). Dies ist 2024 etwas besser geworden, aber es sind nach wie vor viele Menschen, die lieber ganztags arbeiten und damit auch eine Vergütung einer Vollzeitbeschäftigung erhalten würden, aber nur Teilzeitarbeitsplätze angeboten bekommen. Und so gibt es viele Menschen, die mindestens zwei Teilzeit-Jobs ausfüllen, damit sie ihre Miete und Lebensunterhalt finanzieren können.
Nun wieder zu mir: Kinder habe ich keine. Nicht, weil ich keine wollte, sondern weil ich meinen Job in einer sogenannten „Männerdomäne“ als verantwortliche Mutter nicht in dem Maße hätte erfüllen können, wie ich es als notwendig angesehen habe. – Eigentlich hätte ich gerne Kinder gehabt, aber das wäre – bei meinem Beruf – nur möglich gewesen, wenn die Erziehung meiner Kinder in andere Hände gegeben hätte. Diese Person hätte aber dann höchstens in Teilzeit arbeiten müssen, denn nur so wären Kita-, und Schulzeiten zu bedienen und meinen Kindern ein lebenswertes Leben mit Kommunikation, sozialer Wärme und organisatorischer Erziehung und Pflege zu gewährleisten gewesen. Spätestens im Alter von 42 Jahren war das Leben ohne Kinder für mich ein großer Verlust und aktive persönliche Trauerarbeit.
Die Betreuungsquote der unter Dreijährigen lag 2024 bei 37,8 Prozent. Mehr als 62 Prozent der Eltern bekommen also kein Angebot und damit keine Möglichkeit einer Lohnarbeit nachzugehen. Bei Kindern über drei Jahren bis zum Schulalter liegt die Betreuungsquote bei 91,6 Prozent. Das klingt erst einmal gut, aber Öffnungszeiten haben oftmals nichts mit der Realität der Arbeits-, und Fahrtzeiten der Eltern zu tun. Eine Beschäftigte im Einzelhandel hat aktuell Einsatzzeiten bis nachts um 22 bzw. 24 Uhr, eine Kollegin im Postverteilzentrum beginnt ihren Arbeitseinsatz nachts um 2 Uhr, vom Gesundheitswesen, Rettungsdienst, ÖPNV, Feuerwehr usw. ganz zu schweigen. Für solche Arbeitszeiten gibt es keine Betreuungszeiten, und oftmals nicht mal mehr eine Verbindung mit dem öffentlichen Personennahverkehr.
Heute, im Alter bin ich glücklich, dass ich Enkelkinder erleben darf. Das ist möglich, weil mein Mann Kinder hat, wobei seine frühere Ehefrau und auch er selbst in Teilzeit gearbeitet haben, um sich die Familienanforderungen zu teilen und den Kindern weibliche und männliche Vorbilder zu bieten. Beide haben deshalb große Einbußen bei Kariere und Berufsperspektive hinnehmen müssen. Seine Tochter und Schwiegertochter sind heute beide als Eltern sehr engagiert in Teilzeitberufen tätig, aber auch sie nehmen einen gravierenden Kariere-Knick in Kauf. Genau so ist der Gender Pay Gap von 16 Prozent seit 2024 – also geringere Bezahlung von Frauen in unserem Land – zu erklären (DGB-Studie).
Die Lage unserer Demokratie macht mir aktuell große Sorge, deshalb setze ich mich ehrenamtlich sehr aktiv für demokratische Bildungsarbeit ein. Ich verbringe in meinem Tagesablauf, als Rentnerin sehr viel Zeit mit diesen Aktivitäten. Ein solches Engagement habe ich während meines Berufslebens nicht aufbringen können, weil ich zusammen mit Fahrzeiten in der Woche mindestens 70 bis 80 Stunden für die Erbringung meiner Lohnarbeit aufbringen musste. Auch Überstunden gehörten selbstverständlich zu meinem Führungsjob und wurden niemals angerechnet.
„Freiwilliges“ Engagement
Aktuell setzen sich 28,8 Millionen Menschen in Deutschland in ihrer Freizeit für das Gemeinwohl ein – das sind rund 40 Prozent der Bevölkerung ab 14 Jahren. Der Anteil der freiwillig Engagierten ist im Laufe der Jahre sogar gestiegen. (1999 noch rund 30%). Laut einer Forsa-Umfrage honoriert die Gesellschaft den Einsatz der Freiwilligen. 96 Prozent der Befragten haben großen Respekt vor Menschen, die sich ehrenamtlich engagieren. 94 Prozent halten freiwilliges Engagement in Not- und Krisensituationen wie der Flutkatastrophe im Ahrtal, der Corona-Pandemie oder dem Krieg in der Ukraine für besonders wichtig. Klingt das nach „Life-Stile-Teilzeit“, oder nach mehr Menschen, die bereit sind, sich für unsere Gesellschaft zu engagieren?
Ich habe eine fast 94jährige Mutter, die immer noch spannend und differenziert bei Diskussionen ist, aber immer häufiger nicht mehr weiß, welcher Tag gerade angebrochen ist, oder was gerade ansteht. Sie ist fast blind und will deshalb auf keinen Fall ihre gewohnte Umgebung verlassen. So braucht sie tägliche Kommunikation, Essen muss gekocht werden, ein Haushalt geführt, Wäsche gewaschen, Körper-, und emotionale Pflege, Anträge und Briefe müssen geschrieben werden, Gesundheitsversorgung, Tabletten stellen, Krankengymnastik, Termine und vielem mehr. Alles Leistungen, die ihr auch umfassend zustehen, denn sie hat mich, meinen Bruder und ihre Enkel großgezogen und zu denen gemacht, die wir in unserem Leben geworden sind. Das gleiche galt für meinen Vater, der vor zwei Jahren als Schwerstpflegefall verstorben ist. Klar ist mir dabei, dass ich die Versorgung meiner Eltern niemals neben meinem Vollzeitjob hätte erbringen können. Soziale Verantwortung endet eben nicht nach einem kleinen, überschaubaren Zeitraum, denn Kinder brauchen Unterstützungen so lange bis sie „groß“ sind und Eltern brauchen Unterstützung ab dem Zeitpunkt, an dem sie „abbauen“. Hier geht oftmals die eine Verantwortung in die Nächste über und Nachbarn und Menschen aus meiner Umgebung kommen mit ihren Bedarfen noch oben auf.
Eine Gesellschaft braucht Menschen die Verantwortung miteinander und füreinander übernehmen und dazu ist es wichtig, dass Beschäftigte über die Lage und Zeit bestimmen (können), die sie für ihre Lohnarbeit aufbringen (können).
Ich bin der Meinung, dass das Oberhaupt unseres Landes eine breitere Wertschätzung für die Menschen in unserem Land aufbringen sollte, die all die Werte unserer gut funktionierenden Wirtschaft erarbeiten, statt diese mit Unterstellungen zu Sündenböcken abzuwerten und auszugrenzen. Gegenseitiger RESPEKT und WERTSCHÄTZUNG sollte unser aller Ziel sein und nicht der Missbrauch unzusammenhängender Zahlen, um im Interesse des Kapitals mit Schuld-, und Abwertung die abhängig Beschäftigten zu diffamieren.
Wir benötigen eine Gesellschaft, die eine gemeinsame, lebenswerte und faire Zukunft haben sollte und eine umfassende öffentliche Daseinsvorsorge, mit Kitas, Schulen, Gesundheits-, und Altersversorgungseinrichtungen, ÖPNV, die Arbeits-, und Lebensbedingungen der Menschen mit ihren unterschiedlichen Lebensentwürfen berücksichtigt.
