Die Sache mit den Radwegen in Peru
– Der Faktencheck vor Ort belegt die Irrationalität von Debatten in Deutschland –
Selten war Peru so lange und so prominent in deutschen Medien vertreten wie beim Thema von Fahrradwegen, die mit deutschen Steuergeldern gebaut werden. Leider auch selten mit so viel falschen Zahlen und Fakten. Jeder wollte jeder mitreden: von 300 Millionen Euro war die Rede, von Verschwendung und dass das Geld in Deutschland besser angelegt sei. Dabei wurden die Fahrradwege in Peru aus Sicht der Opposition zur rotgrünen Regierung und in den Schlagzeilen der rechtsgerichteten Presse zur Metapher für alles, was angeblich schiefläuft bei der Entwicklungszusammenarbeit mit ärmeren und entfernten Ländern. Und da keiner der Diskutanten je in Peru war, mussten die Fahrradwege für jegliche Kritik an der Entwicklungszusammenarbeit herhalten. Unser weitgereister Autor Matthias Müller hat sich vor Ort umgesehen und lässt die Luft aus dem Aufreger-Ballon.
Ich gestehe: Mein erster Blick direkt hinter der Flughafenausfahrt galt den ominösen peruanischen Radwegen. Seit zwei drei Jahren befeuern die Fahrradstreifen in Lima die bundesdeutsche Empörungsindustrie. Mit 311 Millionen Euro plus habe das Rot-Grüne Berliner Lummerland die Biker in dem Andenstaat beglückt, eine gigantische Geldverschwendung, so blau gefärbte Kampfblätter. Jeder Schulbub wisse nun mal seit der dritten Klasse: die Anden sind steil, allenfalls ein Terrain für trittfeste Lamas.

Geburtshelfer der Fake-Story über den Millionensegen für strampelnde Inkas ist ein Hinterbänkler der AfD. Sein Beleg: der Bundeshaushalt. Für ihn wohl ein Buch mit sieben Siegeln, denn seiner Interpretation der Zahlen fehltjeder Grundlage. Den größten Teil der Summe erhält Peru als Kredit. Lediglich Zuschüsse in Höhe von 20 Millionen für Radwege in Lima und 24 Millionen für einen Fernweg zu einem touristischen Ziel muss Peru nicht zurückzahlen. Das Projekt läuft rund. Die Radstreifen genügen meist auch den Ansprüchen den Fahrrad-Lobbyisten des ADFC. Um den Radweg entstehen Jobs in neuen Werkstätten für Verleih oder Reparatur. Das Internet listet viele geführte Touren zu Sehenswürdigkeiten, Historie und Kulinarik. Aber das Wichtigste: Die Velos werden auch im Alltag genutzt.
Das Projekt Radwege ist ein Baustein für einen klimafreundlichen Verkehr in Lima. Kern des Vorhabens: Allein zehn Milliarden Euro plus investiert der Andenstaat in fünf Metro-Linien in der Hauptstadt, finanziert von der Weltbank und der CAF, der lateinamerikanischen Entwicklungsbank. Das deutsche Pendant, die Kreditanstalt für Wierderaufbau (KfW) gibt gemessen an dem Volumen des Vorhabens nur einen Kredit über 300 Millionen Euro. Ein erheblicher Teil der Aufträge für die zum großen Teil unterirdische Schnellbahn geht an deutsche Firmen und sichert in München, Berlin, Nordrhein-Westfalen oder Lahr Kapazitäten und Jobs sowie an der Deutschen Börse die Dividenden der Anteilseigner. Herrenknecht liefert die Tunnelbohrmaschine, Siemens die Elektronik, Pfaff baut das Depot und Vosslohe die Befestigungstechnik, um nur einige Profiteure zu nennen.
Verkehrschaos in Lima
Die ersten 500 Meter schafft mein Airport-Express auf der achtspurigen Schnellstraße immerhin in 30 Minuten. Den Blick auf den Straßenrand verbauen auf den Fahrspuren links und rechts gigantische Trucks. Lima hat über 11 Millionen Einwohner. Die Stadt wächst rasant. Im Jahr 1980 lebten hier 4,6 Millionen Menschen, 2000 waren es etwa sieben Millionen. Peru gehört, trotz politischer Instabilität, zu den prosperierenden Ländern in Südamerika und gilt in Bankerkreisen als verlässlicher Schuldner. Private und staatliche Kredite haben, so ist zu lesen, eine geringe Ausfallquote, Zinsen und Raten werden pünktlich gezahlt. Die Wirtschaft des Andenstaates wächst schneller als die seiner Nachbarn. Jährlich legt die Ökonomie hier um drei Prozent zu. Reiche Bodenschätze, Agrarprodukte und Investitionen in die Infrastruktur wie die Erweiterung der Häfen treiben die Entwicklung. Deutschland ist von den Kupferlieferungen aus den Anden abhängig. Dennoch: 50 Prozent der Menschen leben hier unter der Armutsgrenze, 40 Prozent arbeiten im informellen Sektor. Aber der Mittelstand wächst und mit ihm der Wunsch nach Mobilität.
Eine Folge: der Verkehr auf Limas Straßen ist chaotisch. Ihr Bau ist wegen der topgraphischen Verhältnissen und der vorhandenen Siedlungsstruktur schwierig. Um Lima von Ost nach West zu durchqueren, muss man auch außerhalb der Stoßzeiten für zehn Kilometer über eine Stunde ansetzen. Die Staus, das Stopp-and-Go Stoßstange an Stoßstange bedeutet: Lima droht trotz der ständigen frischen Meeresprise in Abgasen zu ersticken. Die Verunreinigung der Luft ist extrem hoch. „Na gut. Nicht unser Problem“, mag man im fernen Europa sagen. Aber: Stickoxide, Kohlenstoffmonooxid, Kohlenwasserstoff, Schwefeldioxid und Feinstaub lösen sich nur scheinbar in Luft auf. Sie machen auch nicht an Stadt- oder Ländergrenzen halt. Mit dem Verbrenner und der Industrialisierung ist die sogenannte „Erste Welt“ seit Jahrzehnten ein Verursacher von Starkregen und Hitzeperioden, Elemente unter denen die „Dritte Welt“ besonders leidet. Diese Beeinträchtigung von Boden, Wasser, Luft, Artenvielfalt und Lebensräumen raubt Staaten wie Peru Lebens- und Entwicklungschancen. Erreichen einmal alle Entwicklungsländer zusammen die europäische oder amerikanische Taktung per Auto oder Jet fehlte bald auf diesem Erdball die Luft zum Atmen. Andererseits: mit welchen Argumenten dürfen wir Ländern wie Peru, Nigeria oder Indien unser Komfortlevel verwehren? Mit kolonialem Denken? Die dürfen nicht was uns erlaubt ist.
Peru organisiert mit großer Konsequenz seinen Verkehr neu. Das Land versucht die berechtigten Wünsche nach Mobilität in allen Gesellschaftsschichten zu befriedigen und will gleichzeitig die enorme Schadstoffbelastung in der Luft reduzieren; das klassische Spannungsfeld zwischen Prosperität und Schonung von Ressourcen. Schwierig in einer Stadt, die in den letzten 100 Jahren ungeordnet gewachsen oder besser gewuchert ist. Fünf Metro-Linien sollen einmal die Hauptlast der Personenbeförderung tragen. Eine ist bereits im Betrieb, eine weitere auf einer Teilstrecke. Sie wird bald fertiggestellt sein. Bei den anderen drei wurde mit dem Baggerbiss beziehungsweise mit der Planung begonnen. Die Metro ist das Rückgrat für den ÖPNV. Zu ihr führen zahllose Buslinien, im dichten Takt und auf eigenen Spuren.
Lima verfügt bereits seit langer Zeit über 300 Kilometer Fahrradstreifen. Viele existieren aber nur isoliert als Insellösungen in den Stadtteilen, ohne Verbindung zu benachbarten Quartieren. Ihr Zustand ist marode, ihre Nutzung endet gelegentlich an einer Mauer, manchmal stehen Laternen mitten auf dem schäbigen Kiesbelag oder der Radweg mündet übergangslos auf einem Highway. Alles keine Option, um auf das Auto zu verzichten.
Künnftig sollen diese Radwege nach der Staatlichen Ausschreibung ins Metronetz eingebunden werden. Motto: Mit dem Fahrrad zur Bahn und in den Zug. Ein Konzept das so auch in Deutschland Bestand hat. Die 300 Kilometer vorhandenen Fahrradstreifen saniert das Rathaus der peruanischen Hauptstadt auf eigene Kosten. Das deutsche Entwicklungshilfeministerium hat 2020 noch unter Minister Gerd Müller (nebenbei CSU) einen Zuschuss von 20 Millionen Euro für die Verbindung der vielen dezentralen Netze mit einer Art Radschnellwege zugesagt. Das Projekt ist weitgehend realisiert. Ende 2026 soll es abgeschlossen sein.
Wer mit dem Hop-on-Hop-off-Bus Lima erkundet, begegnet den neu angelegten Streifen in rot oder blau quasi auf jedem Meter. Die Wege sind hervorragend markiert, wirken gepflegt und werden deutlich mit kleinen Pfosten, Schwellen oder Abweisern sicher vom Autoverkehr getrennt. Von diesem Grundgerüst zweigen die bereits vorhandenen Radwege in die Wohnquartiere ab. Dort sind in manchen Straßen nur noch Anliegerverkehr und Radfahren erlaubt. Restriktionen die in manchen bundesdeutschen Kommunen konservativen Stadtverordneten den Angstschweiß auf die Stirn treiben.

Das Angebot wird angenommen. In der Freizeit, aber auch auf dem Weg zur Arbeit. Das Publikum unterscheidet sich wenig von den Nutzern in Europa. Hier Pulks mit übergewichtigen Freizeitsportlern im Dress ihrer Tourhelden, dort gestählte Manager mit ihrer ersten Übungseinheit auf dem Weg zur Arbeit. Unter die Velopisten mischen sich Pizzaboten, Lieferandos mit Kühlboxen und Scooter-Lenker, letztere sind meist weiblich. Für Frauen bedeuten die neuen Radwege so die Freiheit, andere Stadtteile zu besuchen, ohne im dichten Verkehr ihre Gesundheit zu riskieren. Wer was auf den Radwegen darf und wer nicht, scheint Auslegungssache. So mischen sich auch oft Mopeds unter die Radfahrer. Ein Übermaß solcher Zweckentfremdung wird aber von der starken Polizeipräsens in der Stadt verhindert.
Kampagne abseits der Fakten
Vor zwanzig Jahren wäre nach solch Faktencheck die Geschichte über den Radwegesegen in Peru auf Kosten Deutscher Steuerzahler in den heimischen Gazetten implodiert. Selbst in der „Sauren Gurken Zeit“ hätte sich kein seriöses Blatt an eine Fortsetzung getraut. Heute sind rechte Meinungsmacher wie „Nius“, „Apollo News“ oder „Tichys Einblicke“ mit ihren Accounts in den Sozialen Medien, ihren Meinungsblogs und ihren Clips auf YouTube omnipräsent. Gemeinsam mit der AfD gelingt es ihnen immer wieder, ihre rechteh Kampagnenmaschinen anzuwerfen und am Laufen zu halten. Ziel: die Zerstörung demokratischer Strukturen. Gut: Solch Absicht gab es schon immer, auch in der alten Bundesrepublik. Aber in der 1960er Jahren, als ein Adolf von Thadden in faschistischen Blättern wie dem NPD-Kurier über Willy Brandt oder seine Ostpolitik Abstruses verbreitete, wäre keine Zeitung mit Anstand auf die Idee gekommen, diese Lügen zu übernehmen.
Heute diffamieren in NPD-Tradition die rechten Kampfblätter Nachhaltigkeit, Chancengleichheit, Klimaschutz und öffentliche Dienstleistungen als woke. Das Thema „Radwege in Peru“ ist ein ideales Exempel für Herabsetzung und Stigmatisierung. Fern der Heimat entzieht sich die Inka-Velo-Piste der Alltagsempirie der meisten Menschen und weckt im Unterbewusstsein die Vorurteile gegen die dahinten, denen es schlecht geht, weil Arbeiten nicht ihr Ding ist. Vor allem aber: Deutsches Geld fürs Ausland geht in Zeiten von „Our Country First“ schon gar nicht. Kaum hatte der AfD Hinterbänkler seine absurden Behauptungen über die Verschwendung deutscher Steuergelder in Peru veröffentlicht, feuerte der national orientierte Blätterwald volle Breitseite. Die „Junge Freiheit“ klagte „Für Radwege in Peru zerstört Faeser die GSG 9“, die „Preußische Allgemeine Zeitung“ glaubte „Das Maß ist voll“ und Julian Reichelt nannte auf „Nius“ die „angeblichen“ Radwege „hinter den Anden“ ein „Symbol für „verschwenderisch sozialistische Wünsch-Dir-was-Politik“. Und für „Apollo News“ sind die Radwege Beleg dafür, dass Deutschland sinnlos ruiniert wird.

Im Zeitalter der Sozialen Medien werden auch die absurdesten Thesen plötzlich kampagnenfähig, auch weil in einst journalistischen Standards verpflichteten Gazetten, Magazinen und Illustrierten wie „Focus“, „Bild“ oder „Die Welt“ Flankenschutz leisten. Alle scheint der Wunsch zu beseelen politische Strömungen links vom Wirtschaftsrat der CDU als Untergang des Vaterlandes zu denunzieren. Einhellige Botschaft: Während sich in Gelsenkirchen die Bergarbeiterwitwe die fünf Euro für das Weihnachtsgeschenk für den Enkel vom Mund abspart, der Opa für die Sonntagszigarre Flaschen sammelt, lässt das Ministerium für Entwicklungshilfe Manna in Form von 500-Euro-Scheinen über Lima regnen. Die 500er vor allem wegen ihrer violetten Farbe um das Projekt auch als gendergerecht zu adeln.
Widersprüchliche Berichte
Missbrauch von Entwicklungshilfe war schon immer ein dankbares Thema, nicht erst, seit ein Despot um die 1965 in der Zentralafrikanischen Republik in Wannen mit goldenen Hähnen badete. „Focus“ titelte zu den Radwegen in Peru am 7. Dezember 2023 „Wie wir 12 Milliarden in aller Welt verpulvern“. Nach weiteren Artikeln mit ähnlichem Tenor gab das Magazin schließlich in einem Bericht über den Staatssekretär Jochen Flasbarth zu, dass deutsche Unternehmen erheblich vom Investment in Peru profitieren. Diese Perspektive bleibt der Hamburger Tageszeitung „Die Welt“ verborgen. Sie beantwortet in einer Überschrift am 22. Februar 2024 die ihre selbst gestellte Frage: „Wieso zahlt Deutschland Radwege in Peru?“ mit der Feststellung „Die Ampel verjubelt meine Zukunft“. Auch für die „Bild“-Zeitung sind Projekte wie die peruanischen Radwege ein Metapher für Verschwendung. „Für diese Gaga-Projekte zahlt die Ampel Millionen“ titelte das Blatt mit den großen Buchstaben und fragt am 12. Juni 2024 den Bundeskanzler: „Ist es denn zu viel verlangt, dass mein Steuergeld nicht für Radwege in Peru draufgeht?“ um dann wenig später zu beklagen: Für die Biker in Peru sei Geld vorhanden, nicht aber für die eingestürzte Dresdener Brücke. Wie schnell das gestern Geschriebene obsolet sein kann, zeigt wiederum „Die Welt“. Sie lobt China wegen echter Entwicklungshilfe wie den Bau eines Hafens in Peru. „Die Welt“ lobt China und Häfen? War sie nicht jenes Blatt, dass den Untergang des Abendlandes prophezeite als sich das Reich der Mitte mit 25 Prozent am Hamburger Port beteiligen wollte ?
„Nius“ gelang es im Herbst 2025 einen Globetrotter, der gerade Südamerika durchreiste nach Lima zu locken, um in den einschlägigen Streaming-Dienste über die Limaer-Radwege zu berichten. Auf ihnen, so sein Fazit, sei pro Stunde nur ein Biker unterwegs. Der junge Mann, dessen journalistische Karriere offensichtlich nach dem dritten Beitrag in einer Schülerzeitung endete, bemühte sich redlich, die Mängel rund um die Radwege mit unbeholfenen Worten zu listen: hier rage ein Marktstand um Zentimeter auf den Streifen, dort habe jemand gegen eine Begrenzungsmauer gepinkelt, außerdem gebe es Schlaglöcher. Als Beweis für Korruption und Pfusch bei der Auftragsvergabe durch deutsche Dienststellen zeigte er eine lockere Schraube an einem Begrenzungspfahl und kratzte mit dem Metallrand eines Zollstocks ein Blättchen von dem Belag ab. Alles nett anzuschauen: Nur Grundlage für den Bericht war ein Radweg der schon vor dem Engagement der Bundesrepublik in einem der ärmsten Stadtteile existierte.
Die Reportage von „Nius“ hatte einige Fortsetzungen. In einer glaubte der Jung-Redakteur noch ein As aus dem Ärmel ziehen zu können: Eine Brücke im Nobelstadtteil Miraflores sei so rutschig, dass ein Arbeiter mit einem Mob ständig die Nässe aufsaugen müsse um Unfälle zu verhüten. Ein paar Schlagzeilen später kursierte in den rechten Blättern die Mär, das Radwegenetz in Peru sei eine einzige Rutschbahn. Dumm nur: Lima ist nach Kairo die trockenste Stadt der Welt. Wenig Regen, aber die Gischt am Meer ist so stark, dass sie auch die eine Brücke etwa 70 Meter über Meeresspiegel erreicht. Eine Gefahr auf dreißig Metern, die man bei der Planung übersehen hatte als die Baufirma die übliche rote Farbe für den Radweg auch auf der Brücke nutzte. Die Verantwortlichen handelten schnell. Heute ziert Asphalt diesen Abschnitt. Nicht nach Jahren wie behauptet sondern nach wenigen Wochen.
Bei so viel Originalmaterial konnte die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ (FAZ) nicht zurückstehen. Im Jahr 2023 schickte das Blatt eine Reporterin vor Ort, die beklagte, es seien erst 5,5 Kilometer Radwege gebaut und dann konstatierte: „Jener Radweg in Villa El Salvador, im äußersten Süden von Lima, werde längst auch von Fußgängern, Familien mit Kindern oder Hundebesitzern als Spazierweg genutzt. Radfahrer seinen in der Minderheit“. Auch hinter diesem Blatt steckt nicht immer ein kluger Kopf. Villa El Salvador, ein armes industriell geprägtes Quartier, liegt am äußersten südlichen Rand Limas, etwa 16 Kilometer -also dreimal 5,5 Kilometer von der Innenstadt entfernt. Nach allen Gesetzen des Dreisatzes kann dies kein durchgehender Weg aus dem Vorort in die City gewesen sein.
Auch die Berichterstattung in der „Weltwoche“ ist nicht widerspruchsfrei. Nachdem die Schweizer Rechtsaußen-Gazette zunächst mit den üblichen Argumenten in den Chor der Kritiker einschwenkte, änderte sie, nachdem alle vorherigen Angriffe widerlegt waren, Anfang 2024 ihre Tendenz um 180 Grad. Das Projekt sei abzulehnen, weil die Verwaltung in den letzten Jahren in den Küstenstadtteilen von Lima „ein formidables Netz von Radwegen“ eingerichtet habe, das auch er eifrig nutzte. „Noch hapert es an den Anschlüssen“, aber der Autor (der in Lima lebt) wolle nicht kleinlich sei.
Wuchtig werden die Kampagnen, wenn Politik der vermeintlichen Vox Populi nachgibt. Die anerkannte Juristin Frauke Brosius-Gersdorf hat im letzten Sommer erleiden müssen, was es bedeutet, wenn Behauptungen und offensichtlich falsche Anschuldigungen aus rechten Netzwerken mit Begleitmusik von Talk-Shows und aus manch Leitmedium von Parteien für bare Münze genommen werden. Auch gegen die Unterstützung der Pedaleure aus Peru regte sich schnell Widerstand bei CSU, Freien Wählern und FDP. Der ehemalige Finanzminister und akltuelle Gebrauchtwagenhändler Christian Lindner (FDP) bereicherte mit der (in seinen Augen) Affäre sein Ausstiegsszenario aus der Ampel. Martin Huber, CSU-Generalsekretär im Land des ganzjährigen Aschermittwochs monierte, dass die Ampel Geld in aller Welt verschleudere, ohne zu wissen, dass dieses Projekt von seinem Parteifreund Gerd Müller angestoßen wurde. Und der Rinderbaron Hubert Aiwanger sah das Geld für Peru besser bei den bayrischen Landwirten aufgehoben, eine Position die man vertreten könnte, wenn man nicht als Minister gleichzeitig als Öko-Mogul Verantwortung für die Wirtschaft des Freistaates trägt. Unternehmen mit Standort südlich des Weißwurst Äquators verdienen üppig an den Verkehrsinvestitionen in Peru.
Mut zur Korrektur
Peru und seine Radwege oder besser die Kommunikation über dieses Thema sind Beispiel für die neue Irrationalität von Debatten in Deutschland. Die Zukunft: hier und in vielen anderen Ländern ungewiss. Wolfgang Niedecken, Gründer der Kölnrock-Band BAP verbreitete einst noch in seinem Song „Wellenreiter“ Hoffnung: „Doch es könnte sein – je nachdem – noch was zu ändern ist“. Dieses Ändern gelingt aber nur, wenn die fortschrittlichen Kräfte in diesem Land mehr Mut zeigen:
1. ARD und ZDF haben in den letzten Wochen schlimme Fehler gemacht. Aber sie zeigen die Fähigkeit sich zu korrigieren. In der Radweg-Affäre um Peru habe sie aufgeklärt, recherchiert, mit Fakten gegengehalten. Gerade deshalb sind Öffentlich Rechtlichen Medien der AfD und ihren Verbündeten ein Dorn im Auge. Ihr Fortbestehen muss mit allen Mitteln verteidigt werden. Auch und gerade um Institutionen zu haben in denen Argumente noch gegeneinander abgewogen werden.
2. Das Entwickungshilfeministerium hat sich, soweit sich das heute noch nachvollziehen lässt, am Anfang derPeru-Kampagne abgeduckt. Die „Angst des Torwarts vor dem Elfmeter“ oder wir wollen nicht die Entscheidungen unserer Vorgänger zur Verantwortung (oder besser durch den Kakao) gezogen werden.
Wegducken nutzt wenig. In Zeiten omnipräsenter Medien kommt es auf schnelle Reaktionen an. Das bedeutet auch, dass man die Botschaft vor Ort oder Entwicklungsorganisationen beauftragen muss, mit Bild, Ton und Plänen innerhalb von Stunden Fake News zu korrigieren. Nicht wegen der AfD oder „Nius“ sondern um seriöse Medien für ihre Recherche schnell zu informieren
3. Die „anständigen“ Medien müssen endlich den Mut haben, offensichtliche Fake-News zu ignorieren. Bei der Sendung „Lanz“ ein Projekt wie in Peru mit dem Argument der Scheinobjektivität „Pro“ und „Contra“ zu diskutieren ist ungefähr so, als ob man Leute zu einer Debatte einlädt, ob die Erde eine Scheibe ist.
4. Die demokratischen Parteien müssen neben alle Unterschieden auch einmal den Konsens ins Schaufenster stellen. Die Saat radikaler Parteien darf nicht um eines kurzfristigen Erfolges willen auch noch gedüngt werden.
